Thomas Fartmann | Biodiversität und Landschaftsökologie



Aktuelles

Libellen als Indikatoren zur Evaluation der Renaturierung von Hochmooren

Leucorrhinia dubia
Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia dubia)

[17. September 2019] Hochmoore sind Lebensraum vieler gefährdeter Arten und erfüllen gleichzeitig wichtige Ökosystemfunktionen. Da Moore zu den bedeutendsten globalen Kohlenstoffspeichern gehören, muss dem Erhalt dieser Ökosysteme weltweit eine besondere Bedeutung beigemessen werden. Jedoch ist der Fortbestand von Moorökosystemen durch den Landnutzungswandel vielerorts stark bedroht. Auf Grund großflächiger Kultivierungsmaßnahmen im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung ist die Fläche intakter Hochmoore in Mitteleuropa bis heute auf 1 % ihrer ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität degradierter Moorökosysteme in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Naturschutzpraxis gerückt sind. Jedoch gibt es bisher nur wenige wissenschaftlich fundierte Studien, die die Auswirkungen der Renaturierung in Hochmooren systematisch untersucht haben. Da Libellen als Surrogat-Arten aquatischer Ökosysteme gelten, wurden sie in einer aktuellen Publikation als Modellorganismen zur Evaluation von Wiedervernässungmaßnahmen in Abtorfungsflächen herangezogen. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass der Renaturierungserfolg maßgeblich von der Landnutzungsgeschichte der wiedervernässten Hochmoorstandorte abhängt. Während Standorte auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Abtorfungsflächen durch einen hohen Nährstoffreichtum gekenzeichnet waren, wiesen industriell abgetorfte Moore ohne landwirtschaftliche Vornutzung nährstoffarme Umweltbedingungen auf. Demzufolge konnten für die Probeflächen Unterschiede in der Artzusammensetzung der Libellen festgestellt werden. Während Renaturierungsflächen auf nährstoffarmen Standorten ähnliche viele Hochmoorspezialisten wie die Kontrollgewässer aufwiesen, waren die nährstoffreicheren Standorte stärker durch das Vorkommen von Zwischenmoorarten geprägt. Diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass der Erfolg der Hochmoorrenaturierung vor allem durch das Nährstoffniveau limitiert wird. Jedoch deuten die Ergebnisse der Studie zugleich daraufhin, dass auch die Wiedervernässung nährstoffreicher Hochmoorstandorte zum Erhalt artenreicher Libellengemeinschaften in degradierten Hochmooren beitragen kann. Folglich sollten Wiedervernässungsmaßnahmen in ehemaligen Torfabbaugebieten verstärkt gefördert werden.

Krieger, A., Fartmann, T. & D. Poniatowski (2019): Restoration of raised bogs – Land-use history determines the composition of dragonfly assemblages. Biological Conservation 237: 291–298. doi: doi.org/10.1016/j.biocon.2019.06.032.

Forschung zu Insekten- und Vogelbeständen in extensiv genutzten Graslandhabitaten

Salbei-Glatthaferwiesse
Artenreiche Salbei-Glatthaferwiese

[03. September 2019] Insekten bilden weltweit die artenreichste Gruppe aller Lebewesen. In den vergangenen Jahrzehnten haben jedoch sowohl die Artenvielfalt der Insekten als auch deren Biomasse in Mitteleuropa drastisch abgenommen. Der Rückgang der Insektenbiomasse zieht weitreichende ökologische Konsequenzen nach sich, da er sich kaskadenartig auf Organismen höherer trophischer Ebenen auswirkt. Für einige insektenfressende Vogelarten sind diese Zusammenhänge bereits gut belegt. Um den Einfluss der Insektenbiomasse auf gesamte Brutvogelgemeinschaften wissenschaftlich quantifizieren und evaluieren zu können, sind jedoch umfassende Studien erforderlich. Zu diesem Zweck unterstützt die Stöckmann-Stiftung zur Förderung von Umwelt- und Naturschutz ein neues Forschungsvorhaben, mit welchem der wissenschaftliche Kenntnisstand über Zusammenhänge zwischen Insekten- und Vogelbeständen in extensiv genutzten Graslandhabitaten verbessert werden soll. Das Untersuchungsprogramm basiert auf einem komparativen Ansatz, in dem Kalkmagerrasen und mesophiles Grasland als Relikte einer extensiven Landnutzung in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft vergleichend analysiert werden. Dazu werden auf mehr als 50 Untersuchungsflächen im Diemeltal im westfälisch-hessischen Grenzgebiet Brutvögel- und Heuschrecken standardisiert erfasst. Anhand dieser Datengrundlage sollen Kausalitäten zwischen Insektenfauna und Vogelwelt hergestellt und entscheidende Umweltparameter für den Artenreichtum der untersuchten Lebensräume aufgeschlüsselt werden Das übergeordnete Ziel des Projekts ist die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen zum biodiversitätsfördernden, nachhaltigen Management von Graslandhabitaten. Der Schwerpunkt soll hierbei auf Maßnahmen zur Förderung der Insektenfauna als Grundlage für arten- und individuenreiche Vogelgemeinschaften sein. Das Forschungsvorhaben besitzt Modellcharakter für viele Regionen Mitteleuropas. Durch die Publikation der Ergebnisse sollen praxisorientierte Wissenschaftler/-innen und Landschaftsplaner/-innen von der regionalen bis zur internationalen Ebene erreicht werden, die die Erkenntnisse des Projektes nutzen können.

OrthopteraWeb: Beobachtungsportal für Fang- und Heuschrecken in Deutschland online

Omocestus_rufipes
Buntbäuchiger Grashüpfer (Omocestus rufipes)

[01. August 2019] Seit Kurzem ist OrthopteraWeb – Das deutsche Heuschreckenportal online verfügbar. Das Portal wurde im Rahmen des Projektes „WerBeo“ in Kooperation mit der Universität Rostock und dem DUENE e.V. Greifswald entwickelt. Mit OrthopteraWeb möchten wir möglichst viele in Deutschland verfügbare Heuschreckenfunde bündeln und sichtbar machen. Bislang wurden mehr als 140.000 Datensätze im System hinterlegt. Anhand dieser Daten lässt sich die Verbreitung der Arten schon gut nachvollziehen. Bei vielen Arten gibt es aber nach wie vor große Erfassungslücken. Es mangelt zurzeit insbesondere an aktuellen Daten. „WerBeo als bundesweiter Datenspeicher soll bislang verteilt vorliegende Beobachtungsdaten zu verschiedenen Tier- und Pflanzenarten zusammenführen und öffentlich zugänglich machen. Anhand einer verbesserten Datenbasis können wir in Zukunft schneller Rückschlüsse auf den Zustand und die Entwicklung der biologischen Vielfalt in Deutschland ziehen und entsprechend handeln,“ betont Bundesumweltministerin Svenja Schulze in einer Pressemitteilung des Bundesamtes für Naturschutz. Wir möchten Sie daher herzlich dazu einladen, aktuelle Heuschreckenfunde über das Portal zu melden. Denn nur anhand historischer und aktueller Verbreitungsdaten lassen sich mögliche Arealveränderungen und Rückschlüsse auf Gefährdungsursachen nachvollziehen. „Mit OrthopteraWeb ermöglichen wir unseren Nutzern, ihre Beobachtungen zu erfassen, Daten zu exportieren und Informationen über die Verbreitung von Arten zu recherchieren. Es können dabei neben Heuschrecken auch Funde von Fangschrecken im Portal eingeben werden,“ berichtet Projektkoordinator Dominik Poniatowski. Eine Erweiterung des Portals für Schaben und Ohrwürmer befindet sich derzeit in Umsetzung. Für die Optimierung der mobilen Dateneingabe im Gelände wird voraussichtlich im Jahr 2020 eine Smartphone-App erscheinen. Das Vorhaben wird im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt durch das Bundesumweltministerium gefördert und durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) fachlich betreut.

Registrierung online unter: daten.heuschrecken-portal.de

Klimawandel führt zu Veränderungen in Heuschreckengemeinschaften im montanen Grasland

Melanargia galathea
Roesels Beißschrecke (Roeseliana roeselii)

[08. Juli 2019] Der Einfluss des Klimawandels auf die Biodiversität steht zunehmend im wissenschaftlichen Interesse. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass der Klimawandel zukünftig die Hauptursache für den Verlust der weltweiten Artenvielfalt sein wird. Durch die komplexe Wirkungsweise des Klimawandels im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren, werden Anpassungsmaßnahmen seitens des Naturschutzes notwendig. Bisher fehlen jedoch für viele Artengruppen wissenschaftliche Grundlagen, wie sich klimatische Veränderungen auf Arten und deren Lebensräume auswirken. Es ist deshalb häufig unklar, welche Maßnahmen eingesetzt werden können, um die Biodiversität in mitteleuropäischen Ökosystemen langfristig zu erhalten. Während an kältere und feuchte Umweltbedingungen angepasste Organismen durch den Klimawandel zunehmend gefährdet sind, hat der rezente Temperaturanstieg in Mitteleuropa zur Ausbreitung thermophiler Arten geführt. Die Ergebnisse einer neu publizierten Studie in der Fachzeitschrift Biological Conservation belegen, dass die Arealerweiterung wärmeliebender Heuschreckenarten in höhere Lagen der Eifel zu Verschiebungen in den Artgemeinschaften montaner Grasland-Ökosysteme geführt hat. Durch die Ausbreitung dieser Arten hat sich die Artenzahl in Lebensräumen mit einer hohen Habitatqualität sogar erhöht. Im brachliegenden Feuchtgrasland konnte hingegen keine Veränderung der mittleren Artenzahl festgestellt werden. Weiterhin wird die Ausbreitung spezialisierter Arten in vielen Landschaften Mitteleuropas durch die starke Isolation der Lebensräume limitiert. Um zu quantifizieren, in welchem Maße die festgestellten Veränderungen klimainduziert sind, wurde ein Temperatur-Index angewandt, der das Wärmebedürfnis der vorkommenden Arten abbildet. Da für einige Heuschreckenarten im Zuge des Klimawandels langfristig auch negative Bestandstrends prognostiziert werden, gilt es frühzeitig Maßnahmen zu etablieren, die die Anpassungskapazität der Grasland-Ökosysteme gegenüber dem Klimawandel erhöhen und dazu beitragen die Artenvielfalt im Grasland langfristig zu erhalten. Die Studie wurde durch ein Promotionsstipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert.

Löffler, F., Poniatowski, D. & T. Fartmann (2019): Orthoptera community shifts in response to land-use and climate change – Lessons from a long-term study across different grassland habitats. Biological Conservation 236: 315–323. doi.org/10.1016/j.biocon.2019.05.058

Insektenrückgang: Forschungsvorhaben in Kooperation mit dem LANUV gestartet

Melanargia galathea
Tagfalter, wie der Schachbrettfalter (Melanargia galathea), sollen großflächig untersucht werden

[13. Juni 2019] Der Rückgang von Insekten spiegelt sich seit langem in den Roten Listen des Bundes und der Länder wider. Jedoch fehlen bisher standardisierte Untersuchungsprogramme, die es ermöglichen das genaue Ausmaß des Insektenrückgangs zu quantifizieren. In einem neuen Forschungsvorhaben werden wir in den kommenden drei Jahren die Grundlage für ein landesweit repräsentatives Insektenmonitoring in Nordrhein-Westfalen (NRW) schaffen. Gemeinsam mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) erproben wir auf Basis der Ökologischen Flächenstichprobe (ÖFS) ein umfassendes Untersuchungskonzept, um mittels ausgewählter Artengruppen die Anzahl und Verbreitung von Insekten in Nordrhein-Westfalen dauerhaft und repräsentativ zu erfassen. Daraus kann dann beispielsweise abgeleitet werden, wie Schutzmaßnahmen wirken und wo diese gezielt eingesetzt werden können. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser informierte sich im Rahmen der Jahrespressekonferenz des LANUV in Essen über das Insektenmonitoring: „Der Verlust von Arten stellt neben den Folgen des Klimawandels die größte ökologische und ökonomische Bedrohung dar“, erklärte Ministerin Heinen-Esser in ihrem Grußwort. „Der Rückgang von Insekten ist ein wichtiger Anzeiger für die Bedrohung unserer Artenvielfalt, selbst in Naturschutzgebieten ist dieses Phänomen zu beobachten. Wir müssen aber noch mehr herausfinden über die Ursachen und vor allem über die Auswirkungen auf unsere gesamte Umwelt.“ Das Insektenmonitoring bildet einen weiteren wichtigen Baustein, um den Kenntnisstand über das Ausmaß und die Wirkung des Insektenrückgangs langfristig zu verbessern. „Das Flächennetz der ÖFS ist für die Überwachung der Insektenbestände hervorragend geeignet, da es die Regionen und Landschaften Nordrhein-Westfalens exakt repräsentiert und so landesweit gültige Ergebnisse garantiert,“ berichtete LANUV-Präsident Dr. Thomas Delschen. Der Aufbau und die Umsetzung des Insektenmonitorings wird durch das Umweltministerium NRW gefördert.

Berichterstattung zum Projekt: WDR aktuell, WDR Lokalzeit Ruhr, Pressemitteilung des LANUV

Gefährdete Libellenarten profitieren von Temporärgewässern in Regenrückhaltebecken

Libellula depressa
Plattbauch (Libellula depressa)

[21. Mai 2019] Es gibt vermehrt wissenschaftliche Belege, dass Regenrückhaltebecken nicht nur als Retentionsräume dienen, sondern auch die Biodiversität in urbanen Räumen fördern können. Voraussetzung für die Habitateignung von Regenrückhaltebecken ist vor allem eine naturnahe, strukturreiche Gestaltung der Anlagen. In einer Studie in der aktuellen Auflage des Journal of Insect Conservation wird die Bedeutung von Regenrückhaltebecken für Libellen in Abhängigkeit des Beckentyps beleuchtet. In temporär wasserführenden Becken konnten dabei im Mittel mehr gefährdete Arten nachgewiesen werden als in dauerhaft überfluteten Gewässern. Zudem belegen die signifikant höheren Exuviendichten, dass dieser Gewässertyp als Reproduktionshabitat bedrohter Arten geeignet ist. Flache Gewässerstrukturen und das Vorhandensein früher Sukzessionsstadien konnten dabei als entscheidende Umweltfaktoren für die hohe Anzahl an Rote-Liste-Arten identifiziert werden. Bei Betrachtung der Gesamtartenzahlen waren die Unterschiede zwischen temorprären und permanenten Gewässern hingegen weniger deutlich ausgeprägt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Zusammensetzung der Libellengemeinschaften stark von der Bauweise der Regenrückhaltebecken abhängt. Aus Sicht des Biodiversitätsschutzes ist es besonders förderlich bei der Anlage von Regenrückhaltebecken darauf zu achten möglichst großflächige, temporär überflutete Flachwasserzonen einzurichten. Das anschließende Management der Anlagen sollte darauf ausgerichtet sein heterogene Habitatbedingungen zu erhalten.

Holtmann, L., Brüggeshemke, J., Juchem, M. & T. Fartmann (2019): Odonate assemblages of urban stormwater ponds: the conservation value depens on pond type. Journal of Insect Conservation 23: 123–132. doi: doi.org/10.1007/s10841-018-00121-x

Glückwunsch zur erfolgreichen Promotion über die Biodiversität von Regenrückhaltebecken

Lisa Holtmann
Dr. Lisa Holtmann und apl. Prof. Dr. Thomas Fartmann

[23. März 2019] Wir gratulieren Dr. Lisa Holtmann herzlich zum erfolgreichen Abschluss ihrer Promotion. Ihre Dissertationsschrift mit dem Titel „Stormwater ponds as biodiversity hotspots in urban areas“ beleuchtet die Bedeutung von Regenrückhaltebecken für die Biodiversität in urbanen Räumen. Die zunehmende Urbanisierung gilt als eine der Hauptursachen für den globalen Biodiversitätsverlust. Wissenschaftliche Studien, die Maßnahmen zum Erhalt der urbanen Biodiversität aufzeigen, sind deshalb von besonderer Relevanz. Durch die Analyse der Biodiversitätsmuster in verschiedenen Artengruppen konnte im Rahmen der Promotion von Lisa Holtmann nun gezeigt werden, dass Regenrückhaltebecken einen positiven Einfluss auf die Biodiversität in mittleuropäischen Städten haben können. In der Regel wiesen Regenrückhaltebecken im Vergleich zu den Gewässern in der Normallandschaft eine bessere Habitatqualität auf. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich das regelmäßige Management der Regenrückhaltebecken begünstigend auf die lokale Biodiversität auswirkt. Bei der Einrichtung von Regenrückhaltebecken sollte eine möglichst hohe Habitatheterogenität angestrebt werden, die die Koexistenz von Arten mit unterschiedlichen Habitatansprüchen ermöglicht. Die umfassenden Ergebnisse der Untersuchungen wurden bisher in vier internationalen Fachartikeln publiziert.

Jonas Brüggeshemke mit NWO-Förderpreis ausgezeichnet

Jonas Brüggeshemke
Preisträger Jonas Brüggeshemke bei Kartierarbeiten

[01. März 2019] Die Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft (NWO) vergibt im regelmäßigen Turnus den NWO-Förderpreis an herausragende ornithologische Arbeiten junger Nachwuchswissenschaftler. Im Rahmen der diesjährigen NWO-Jahrestagung wurde unser Masterabsolvent Jonas Brüggeshemke für seine Forschung zu den Habitatansprüchen und zur Populationsdynamik des Raubwürgers (Lanius excubitor) im Hochsauerland ausgezeichnet. Die Ergebnisse seiner Arbeit belegen eindrucksvoll, dass die deutschlandweit gefährdete Art im Untersuchunsgebiet entgegen dem bundesweiten Trend kurzfristig eine positive Populationsentwicklung aufweist. Neben den traditionell besiedelten Brutrevieren in mageren Grünlandhabitaten, konnte sich die Art in den letzten Jahren auf Windwurfflächen erfolgreich etablieren. Dies Habitate sind infolge des Orkans Kyrill im Jahr 2007 entstanden und zeichnen sich nun durch ein reichhaltiges Nahrungsangebot und das Vorhandensein geeigneter Brutplätze für den Raubwürger aus. Darüber hinaus lies sich ein positiver Einfluss von Weihnachtsbaumkulturen auf die Habitatwahl der Art feststellen. Reviere im Intensivgrünland wurden in den letzten Jahren hingegen vermehrt aufgegeben. Die Studie verdeutlicht einerseits die Bedeutung extensiv genutzter Grünlandhabitate für den Raubwürger, zeigt aber gleichzeitg dass Störungsereignisse wie der Orkan Kyrill die Biodiversität mitteleuropäischer Landschaften signfikant positiv beeinflussen können.

Forschung zur tierökologischen Bedeutung von Regenrückhaltebecken im Projekt „StucK“

Bekassine
Bekassine (Gallinago gallinago)

[08. Februar 2019] In Kooperation mit der Abteilung für Angewandte Pflanzenökologie der Universität Hamburg evaluieren wir im Rahmen des Projektes StucK („Sicherstellung der Entwässerung küstennaher, urbaner Räume unter Berücksichtigung des Klimawandels“) die Bedeutung von Regenrückhaltebecken für die Biodiversität. Aufbauend auf den Erfahrungen vorangegangener Forschungsarbeiten führen wir faunistische Begleituntersuchungen zur Habitateignung von Trockenbecken in küstennahen, urbanen Räumen durch. Bisherige wissenschaftliche Studien zur Biodiversität in Regenrückhaltebecken belegen, dass diese neuartigen Ökosysteme einen positiven Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt in Städten leisten können. Beispielsweise wiesen Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet von Münster im Vergleich zu Kontrollgewässern höhere Libellenartenzahlen auf. Gleichzeitig stellten sie ein geeignetes Reproduktionshabitat für Amphibien dar. Insbesondere die Habitatstruktur der zum Hochwasserschutz angelegten Becken entscheidet darüber, ob diese als Lebensraum für wertgebende Arten geeignet sind. Anhand verschiedener Indikatorgruppen soll beispielhaft für die Stadt Hamburg ein nachhaltiges Konzept erarbeitet werden, welches die Interessen des Gewässermanagements und des Biodiversitätsschutzes vereint. Vor dem Hintergrund der Zunahme klimatischer Extremereignisse wird hierbei das bestehende Hochwasserschutzkonzept durch innovative, biodiversitätsfördernde Lösungsansätze ergänzt. Das interdisziplinär ausgerichtete Forschungsvorhaben wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Habitatqualität entscheidet über das Vorkommen spezialiserter Schmetterlingsarten im Magergrasland

Erebia medusa
Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa)

[23. Januar 2019] Extensiv genutzte Graslandhabitate zählen zu den artenreichsten Ökosystemen Europas. Jedoch ist der Fortbestand der Biodiversität dieser Lebensräume zunehmend gefährdet. Sowohl die Landnutzungsintensivierung als auch das Brachfallen haben in Mitteleuropa zu einem starken Rückgang des mageren Graslands geführt. Schmetterlinge gelten aufgrund ihrer spezifischen Lebensweise als eine der am besten geeigneten Artengruppen zur Analyse landnutzungsbedingter Veränderungen auf der Habitat- und Landschaftsebene. Im Kontext des Projektes „Biotopverbund als Klimaanpassungsstrategie des Naturschutzes in der Beispielregion Naturpark Diemelsee“ (gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt – DBU) wurden die Auswirkungen der Landschaftsstruktur und der Habitatqualität auf das Vorkommen zweier spezialisierter Schmetterlingsarten detailliert untersucht. Die im Journal of Insect Conservation veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass sowohl der Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa) als auch das Ampfer-Grünwidderchen (Adscita statices) auf eine extensive Nutzung oder frühe Brachestadien angewiesen sind. Auf der Habitatebene zeigten beide Arten eine Präferenz für eine ausgeprägte Streuschicht. Für das Vorkommen von A. statices konnte zudem eine hohe Wirtspflanzendeckung als weiterer entscheidender Faktor ermittelt werden. Faktoren auf der Landschaftsebene spielten in der gute vernetzten Landschaft des Projektgebietes eine untergeordnete Rolle. Jedoch waren die von E. medusa besiedelten Habitate zu einem geringeren Anteil von Äckern umgeben. Dieser Zusammenhang unterstreicht, dass Graslandhabitate im Kontext landwirtschaftlich intensiv genutzter Agrarlandschaften häufig durch eine geringere Artenvielfalt gekennzeichnet sind.

Münsch, T., Helbing, F. & T. Fartmann (2019): Habitat quality determines patch occupancy of two specialist Lepidoptera species in well-connected grasslands. Journal of Insect Conservation. doi: doi.org/10.1007/s10841-018-0109-1

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Marco Drung erhält Stifter-Preis der Universität Osnabrück für den besten Masterabschluss

Steinschmätzer
Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe)

[13. Dezember 2018] Unser Masterabsolvent Marco Drung wurde für exzellente Leistungen im Rahmen seines Masterstudiums und seiner Abschlussarbeit mit dem Stifter-Preis der Universität Osnabrück (Fachbereich Biologie/Chemie) ausgezeichnet. In seiner Masterarbeit untersuchte er die Eignung von Torfabbaugebieten als Ersatzlebensraum für den Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe). Da die Art in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, haben die in seiner Arbeit erzielten Forschungsergebnisse eine besondere Relevanz für den Naturschutz. Durch die großflächige Entwässerung der Hochmoore im Zuge des Landnutzungswandels, lassen sich im Nordwesten Deutschlands heute nur noch wenige, zumeist stark degradierte Moorökosysteme vorfinden. Dem Erhalt intakter Hochmoorflächen sollte europaweit höchste Priorität beigemessen werden. Das Gros der untersuchten Abbauflächen befindet sich jedoch auf historischen Hochmoorstandorten, die zuvor bereits über mehrere Jahrzehnte intensiv landwirtschaftlich genutzt wurden. Es kann davon ausgegangen werden, dass der hohe Offenbodenanteil der Abtorfungsflächen dem Steinschmätzer die Nahrungssuche erleichtert. Darüber hinaus bieten Torfsodenstapel mit versteckten Hohlräumen gute Nistmöglichkeiten. Auf Grund des großflächigen Verlustes geeigneter Bruthabitate in der mitteleuropäischen Agrarlandschaft, stellen Torfabbaugebiete neben anderen Sekundärlebensräumen wie z.B. Bergbaufolgelandschaften, Steinbrüchen und Truppenübungsplätzen die letzten Refugien des Steinschmätzers in Norddeutschland dar. Nach Einstellung der Abtorfung werden die Flächen zudem wiedervernässt und renaturiert, sodass sich an diesen Standorten langfristig neue Moorökosysteme entwickeln können.

Klimawandel erfordert neue Maßnahmen zum Schutz von Grasland- und Heideökosystemen

Bergmähwiese
Bergmähwiese mit Blühaspekt des Schlangen-Knöterichs (Bistorta officinalis)

[16. November 2018] Die Auswirkungen des Klimawandels erfordern weitreichende Handlungen zum Schutz der mitteleuropäischen Ökosysteme. In einem aktuellen Artikel in der Fachzeitschrift Natur und Landschaft werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Grasland- und Heideökosystemen zusammengefasst und darauf aufbauend Handlungsempfehlungen formuliert. Auf Grund der globalen Erwärmung und zunehmender Sommertrockenheit besteht insbesondere für feuchteabhängige und montane Grasland- und Heidelebensräume ein hohes Gefährdungspotenzial. Vor allem kalt-stenotherme Organismen gelten als hochsensibel gegenüber dem Klimawandel. Beispielsweise haben steigende Wintertemperaturen zu Arealverlusten beim Rundaugen-Mohrenfalters (Erebia medusa) geführt. Zusätzlich können indirekte Effekte des Klimawandels, wie beispielsweise der Ausbau erneuerbarer Energien, zu Veränderungen der Artgemeinschaften im Offenland beitragen. Diese Ergebnisse zeigen exemplarisch dass dringend weitere Vorkehrungen getroffen werden müssen, die die Anpassung der Arten an die veränderten Umweltbedingungen unterstützen. Neben der Optimierung des Habitatangebots gehört hierzu auch der Aufbau eines Biotopverbundsystems auf lokaler und überregionaler Ebene. Die Studie wurde vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) gefördert.

Streitberger, M., Fartmann, T., Ackermann, W., Balzer, S., & S. Nehring (2018): Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Grasland- und Heideökosystmen – Kausalanalyse und Entwicklung nachhaltiger Anpassungsstrategien. Natur und Landschaft 93 (12): 545–552.

Studie belegt klimainduzierte Arealerweiterung bei Heuschrecken in Mitteleuropa

Sumpfschrecke, Arealerweiterung, Klimawandel, Heuschrecken
Sumpfschrecke (Stethophyma grossum)

[15. Oktober 2018] Trotz des großflächigen Verlusts und der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Mitteleuropa, konnte sich fast ein Drittel der in Deutschland heimischen Heuschreckenarten während der letzten Jahrzehnte ausbreiten. Das Ausmaß der Arealerweiterungen ist artspezifisch sehr unterschiedlich und abhängig von verschiedenen Faktoren wie den Habitatansprüchen und der Mobilität der Arten sowie der Landschaftsausstattung am Arealrand. Starke Arealerweiterungen, insbesondere in den ehemals sommerkühlen Gebieten Deutschlands setzten zeitgleich mit dem starken Temperaturanstieg seit Ende der 1980er-Jahre ein. Daher scheint der Klimawandel maßgeblich verantwortlich für diese Entwicklung zu sein. Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur Habitatgeneralisten ausgebreitet haben, sondern auch – trotz verminderter Habitatverfügbarkeit – xerophile Offenbodenspezialisten und hygrothermophile Feuchtgrünlandarten. Jedoch ist davon auszugehen, dass Arten deren Eistadien sensibel gegenüber Trockenheit sind, durch die zunehmende Häufigkeit von Dürreperioden negativ beeinträchtigt werden können. Die wenigen in Deutschland ausschließlich montan und alpin verbreiteten Arten dürften ebenfalls Verlierer des Klimawandels sein. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift für Naturschutz und Landschaftspflege – Natur und Landschaft publiziert.

Poniatowski, D., Münsch, T., Helbing, F. & T. Fartmann (2018): Arealerweiterungen bei mitteleuropäischen Heuschrecken als Folge des Klimawandels. Natur und Landschaft 93 (12): 553–561.

Düngung führt zu erhöhter Mortalität von Schmetterlingsraupen

Brauner Feuerfalter, Lycaena tityrus, Stickstoffanreicherung
Brauner Feuerfalter (Lycaena tityrus)

[26. September 2018] Die landwirtschaftliche Intensivierung gilt als die Hauptursache für das flächendeckende Verschwinden vieler Schmetterlingsarten in West- und Mitteleuropa. Der Rückgang der Artenvielfalt wurde dabei häufig mit der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Verbindung gebracht, wohingegen Veränderungen der Wirtspflanzenqualität bisher weitestgehend unberücksichtigt blieben. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Oecologia zeigen jedoch, dass zu hohe Stickstoffkonzentrationen in den Wirtspflanzen zu einer stark erhöhten Mortalitätsrate bei Schmetterlingsraupen führen können. In der Untersuchung wurden in einem experimentellen Ansatz die Überlebensraten der Raupen von insgesamt sechs weit verbreiteten Tag- und Nachtfalterarten unter verschiedenen Düngeszenarien dokumentiert. Die simmulierten Stickstoffgaben entsprachen dabei den in der mitteleuropäischen Landwirtschaft aktuell üblichen Düngemengen. Die Düngung hat dabei zu einer Zunahme des Stickstoffgehalts in den Wirtspflanzen und gleichzeitig zu einer deutlich erhöhten Mortalitätsrate der Schmetterlingsraupen aller Modellarten geführt. Mit den Forschungsergebnissen liegt nun erstmalig ein Beleg vor, dass die aktuellen Düngeraten den physiologischen Toleranzbereich der meisten Schmetterlingsarten überschreiten dürften. Es ist somit davon auszugehen, dass die Düngung durch ihren Einfluss auf die Wirtspflanzenqualität direkt zum flächendeckenden Rückgang vieler Schmetterlingsarten beiträgt.

Kurze, S., Heinken, T. & T. Fartmann (2018): Nitrogen enrichment in host plants increases the mortality of common Lepidoptera species. Oecologia 188: 1227–1237.