Thomas Fartmann | Biodiversität und Landschaftsökologie

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Aktuelles

Daten belegen klimainduzierte Arealerweiterung bei Heuschrecken in Mitteleuropa

Sumpfschrecke, Arealerweiterung, Klimawandel, Heuschrecken
Sumpfschrecke (Stethophyma grossum)

[15. Oktober 2018] Trotz des großflĂ€chigen Verlusts und der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Mitteleuropa, konnte sich fast ein Drittel der in Deutschland heimischen Heuschreckenarten wĂ€hrend der letzten Jahrzehnte ausbreiten. Die Ergebnisse der Studie in der Fachzeitschrift fĂŒr Naturschutz und Landschaftspflege – Natur und Landschaft stĂŒtzen sich auf aktuelle Verbreitungsdaten, die im Rahmen des vom Bundesamt fĂŒr Naturschutz (BfN) geförderten Projektes „Werkzeuge zur Erfassung biologischer Beobachtungsdaten in Deutschland (WerBeo)“ zusammengetragen wurden. Das Ausmaß der Arealerweiterungen ist artspezifisch sehr unterschiedlich und abhĂ€ngig von verschiedenen Faktoren wie den HabitatansprĂŒchen und der MobilitĂ€t der Arten sowie der Landschaftsausstattung am Arealrand. Starke Arealerweiterungen, insbesondere in den ehemals sommerkĂŒhlen Gebieten Deutschlands setzten zeitgleich mit dem starken Temperaturanstieg seit Ende der 1980er-Jahre ein. Daher scheint der Klimawandel maßgeblich verantwortlich fĂŒr diese Entwicklung zu sein. Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur Habitatgeneralisten ausgebreitet haben, sondern auch – trotz verminderter HabitatverfĂŒgbarkeit – xerophile Offenbodenspezialisten und hygrothermophile FeuchtgrĂŒnlandarten. Jedoch ist davon auszugehen, dass Arten deren Eistadien sensibel gegenĂŒber Trockenheit sind, durch die zunehmende HĂ€ufigkeit von DĂŒrreperioden negativ beeintrĂ€chtigt werden können. Die wenigen in Deutschland ausschließlich montan und alpin verbreiteten Arten dĂŒrften ebenfalls Verlierer des Klimawandels sein.

Poniatowski, D., MĂŒnsch, T., Helbing, F. & T. Fartmann (2018): Arealerweiterungen bei mitteleuropĂ€ischen Heuschrecken als Folge des Klimawandels. Natur und Landschaft 93 (12): 553–561.

DĂŒngung fĂŒhrt zu erhöhter MortalitĂ€t von Schmetterlingsraupen

Brauner Feuerfalter, Lycaena tityrus, Stickstoffanreicherung
Brauner Feuerfalter (Lycaena tityrus)

[26. September 2018] Die landwirtschaftliche Intensivierung gilt als die Hauptursache fĂŒr das flĂ€chendeckende Verschwinden vieler Schmetterlingsarten in West- und Mitteleuropa. Der RĂŒckgang der Artenvielfalt wurde dabei hĂ€ufig mit der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Verbindung gebracht, wohingegen VerĂ€nderungen der WirtspflanzenqualitĂ€t bisher weitestgehend unberĂŒcksichtigt blieben. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Oecologia zeigen jedoch, dass zu hohe Stickstoffkonzentrationen in den Wirtspflanzen zu einer stark erhöhten MortalitĂ€tsrate bei Schmetterlingsraupen fĂŒhren können. In der Untersuchung wurden in einem experimentellen Ansatz die Überlebensraten der Raupen von insgesamt sechs weit verbreiteten Tag- und Nachtfalterarten unter verschiedenen DĂŒngeszenarien dokumentiert. Die simmulierten Stickstoffgaben entsprachen dabei den in der mitteleuropĂ€ischen Landwirtschaft aktuell ĂŒblichen DĂŒngemengen. Die DĂŒngung hat dabei zu einer Zunahme des Stickstoffgehalts in den Wirtspflanzen und gleichzeitig zu einer deutlich erhöhten MortalitĂ€tsrate der Schmetterlingsraupen aller Modellarten gefĂŒhrt. Mit den Forschungsergebnissen liegt nun erstmalig ein Beleg vor, dass die aktuellen DĂŒngeraten den physiologischen Toleranzbereich der meisten Schmetterlingsarten ĂŒberschreiten dĂŒrften. Es ist somit davon auszugehen, dass die DĂŒngung durch ihren Einfluss auf die WirtspflanzenqualitĂ€t direkt zum flĂ€chendeckenden RĂŒckgang vieler Schmetterlingsarten beitrĂ€gt.

Kurze, S., Heinken, T. & T. Fartmann (2018): Nitrogen enrichment in host plants increases the mortality of common Lepidoptera species. Oecologia.

BfN fördert Konzeptentwicklung fĂŒr bundesweites Insektenmonitoring

Insektenmonitoring, Insektensterben, Wildbiene, Halictus scabiosae
Gelbbindige Furchenbiene (Halictus scabiosae)

[21. August 2018] Das Bundesamt fĂŒr Naturschutz (BfN) hat uns damit beauftragt, ein umfassendes Konzept fĂŒr das bundesweite Insektenmonitoring zu entwickeln. Aktuelle Studien haben lokal drastische RĂŒckgĂ€nge von Insektenpopulationen festgesetellt. Es fehlen jedoch bislang bundesweit reprĂ€sentative, standardisiert erhobene Daten zu LangzeitverĂ€nderungen von InsektenbestĂ€nden. Als Bestandteil eines weitreichenden BiodiversitĂ€tsmonitorings soll mit dem nun geförderten Forschungs- und Entwicklungsvorhaben erstmalig eine Grundlage geschaffen werden, wie in Zukunft belastbare Daten zu den großflĂ€chigen Populationsentwicklungen der Insekten dokumentiert werden können. Dabei streben wir an, zum einen den Zustand und die VerĂ€nderungen der Insekten der Normallandschaft und zum anderen die BestĂ€nde und Trends naturschutzfachlich wertgebender Arten lebensraumĂŒbergreifend zu erfassen. In Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern werden wir unter BerĂŒcksichtigung fachlicher, methodischer und organisatorischer Gesichtspunkte den Aufbau des Insektenmonitorings bis zum Jahr 2020 schrittweise konkretisieren. In den konzeptionellen Überlegungen wird geprĂŒft, ob Synergien zu bereits bestehenden Monitoringprogrammen, Citizen-Science-Projekten, wissenschaftlichen Sammlungen, sowie zu der Arbeit von entomologischen Vereinen und Fachgesellschaften in das Vorhaben einbezogen werden können. Die Monitoringdaten sollen zukĂŒnftig zur Analyse rĂ€umlich-zeitlicher ZusammenhĂ€nge zwischen den InsektenbestĂ€nden und UmweltverĂ€nderungen dienen.

Pressemitteilung des BfN

Projektpartner: Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden, PlanungsbĂŒro fĂŒr angewandten Naturschutz GmbH, Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen e. V., Entomologischer Verein Krefeld e. V.

HabitatqualitĂ€t bedeutendster Faktor fĂŒr das Vorkommen von spezialisierten Insektenarten

Landnutzungswandel, Habitatfragmentierung, Metapopulation, Argynnis aglaja
Großer Perlmutterfalter (Argynnis aglaja)

[13. August 2018] Infolge des Landnutzungswandels sind artenreiche Graslandhabitate heute hĂ€ufig stark degradiert und voneinander isoliert. HabitatqualitĂ€t, FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe und HabitatkonnektivitĂ€t gelten als die entscheidenden Faktoren, die das Vorkommen von Habitatspezialisten in fragmentierten Landschaften bestimmen. Es wird jedoch bis heute kontrovers diskutiert, welcher dieser Faktoren die grĂ¶ĂŸte Bedeutung fĂŒr den Artenschutz besitzt. Im Rahmen einer großrĂ€umig angelegten Studie wurde nun anhand von Modellorganismen verschiedener Insektenordnungen die relative Bedeutung dieser Faktoren analysiert. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die HabitatqualitĂ€t, gefolgt von der FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe, den stĂ€rksten Einfluss auf das Vorkommen von Habitatspezialisten in Kalkmagerrasen hatte. Bei einer zunehmenden Fragmentierung der Graslandpatches wĂŒrde die KonnektivitĂ€t jedoch vermutlich stĂ€rker ins Gewicht fallen. Mit der Abhandlung in der Fachzeitschrift Biological Conservation liegt nun eine wissenschaftlich fundierte Grundlage vor, die es Naturschutzpraktikern erleichtert bei begrenzten Ressourcen den Fokus von Schutzmaßnahmen festzulegen. Es kann davon ausgegangen werden, dass in den mitteleuropĂ€ischen Grasland-Hotspots der Erhalt großflĂ€chiger und regelmĂ€ĂŸig gemanagter Habitate den AnsprĂŒchen der meisten Arten gerecht wird. Der Einfluss der HabitatkonnektivitĂ€t sollte dabei jedoch nicht unterschĂ€tzt werden. Beispielsweise muss der Verbesserung des Biotopverbundes in landwirtschaftlich intensiv genutzten und stark ausgerĂ€umten Landschaften eine große Bedeutung beigemessen werden. DarĂŒber hinaus stellt die Erhöhung der HabitatkonnektivitĂ€t vor dem Hintergund des Klimawandels eine besonders wichtige Anpassungsmaßnahe dar.

Poniatowski, D., Stuhldreher, G., Löffler, F. & T. Fartmann (2018): Patch occupancy of grassland specialists: Habitat quality matters more than connectivity. Biological Conservation 225: 237–244. doi: doi.org/10.1016/j.biocon.2018.07.018

Forschung fĂŒr die BiodiversitĂ€t in SteinbrĂŒchen in Zeiten des globalen Wandels

Landnutzungswandel, Steinbruch, BiodiversitÀt, Naturschutz
Kalksteinbruch mit hoher HabitatdiversitÀt

[02. August 2018] Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert ein Forschungsprojekt zur BiodiversitĂ€t und zum nachhaltigen Management von SteinbrĂŒchen in Zeiten des globalen Wandels. In Kooperation mit zahlreichen Partnern aus der Naturschutzpraxis und Rohstoffindustrie werden in dem Vorhaben anhand verschiedener Indikatorgruppen ZusammenhĂ€nge zwischen der Artenvielfalt in SteinbrĂŒchen und den diesbezĂŒglich entscheidenden Umweltfaktoren analysiert. Da der Kenntnisstand zur BiodiversitĂ€t von SteinbrĂŒchen immer noch gering ist, beabsichtigen wir anhand der gewonnenen Erkenntnisse Handlungsempfehlungen fĂŒr eine biodiversitĂ€tsfördernde und nachhaltige Bewirtschaftung der AbbauflĂ€chen zu erarbeiten. Die Relevanz des Projektes wird besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung von SteinbrĂŒchen infolge der europaweit gestiegenen Nachfrage nach Baumaterialien deutlich. Gleichzeitig bergen die AbbaustĂ€tten sowohl wĂ€hrend des Gesteinsabbaus als auch nach Aufgabe der Nutzung ein herausragendes Potenzial fĂŒr den Erhalt der BiodiversitĂ€t in der mitteleuropĂ€ischen Kulturlandschaft. Trotzdem ist es immer noch hĂ€ufige Praxis, SteinbrĂŒche nach Einstellung der AbbautĂ€tigkeiten zu verfĂŒllen und aufzuforsten. In unseren Studien streben wir an, den Naturschutzwert der GesteinsabbaustĂ€tten im Vergleich zur umgebenden Landschaftsmatrix anhand einer hinreichenden Datengrundlage empirisch zu belegen. DarĂŒber hinaus sollen Wissensdefizite zur Renaturierung und zum Habitatmanagement in SteinbrĂŒchen behoben werden. Durch die breite biozönotische Basis der Untersuchungen in einem der wichtigsten europĂ€ischen Gesteinsabbaugebiete besitzt das Projekt ĂŒberregionalen Modellcharakter fĂŒr den BiodiversitĂ€tsschutz in SteinbrĂŒchen.

Neue Studie belegt hohen Wert von Weihnachtsbaumkulturen fĂŒr seltene Brutvögel

landnutzungswandel, Agrarlandschaft, Brutvögel, Heidelerche
Heidelerche (Lullula arborea)

[24. Juli, 2018] Traditionell haben Agrarlandschaften eine große Bedeutung fĂŒr die BiodiversitĂ€t. Der Wandel von der traditionellen Landnutzung hin zu einer modernen, industrialisierten Landwirtschaft hat jedoch in Europa vielerorts zu einem dramatischen Artensterben gefĂŒhrt. Gleichzeitig können anthropogene LandschaftsverĂ€nderungen aber auch die Entstehung neuartiger Ökosysteme begĂŒnstigen, die unter UmstĂ€nden durch das Vorkommen neuer, artenreicher Lebensgemeinschaften gekennzeichnet sein können. Weihnachtsbaumkulturen sind ein charakteristisches Beispiel derartiger LebensrĂ€ume in Mitteleuropa. Seit Beginn des systematischen Weihnachtsbaumanbaus im Hochsauerland wurde die AnbauflĂ€che dieser Kulturen kontinuierlich erweitert. Durch eine aktuelle Studie im Rahmen des Projektes „BiodiversitĂ€t von Weihnachtsbaumkulturen in Mitteleuropa“ (gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt – DBU) konnte nun gezeigt werden dass Weihnachtsbaumkulturen einen regional bedeutenden RĂŒckzugsraum fĂŒr gefĂ€hrdete Brutvogelarten darstellen. Trotz der generell intensiven Bewirtschaftungsweise waren die Kulturen durch eine höhere LandschaftsdiversitĂ€t gekennzeichnet als andere dominierende Landschaftstypen im Untersuchungsgebiet. DarĂŒber hinaus wurden die Brutvorkommen gefĂ€hrdeter Arten sehr wahrscheinlich durch die hohe NahrungsverfĂŒgbarkeit und -zugĂ€nglichkeit in den Kulturen gefördert. Der hohe Offenbodenanteil in den AnbauflĂ€chen begĂŒnstigt insbesondere Arten die am Boden nach Nahrung suchen, wie z.B. die Heidelerche, wohingegen die Vegetation in den ursprĂŒnglichen LebensrĂ€umen dieser Arten heute hĂ€ufig zu dicht und hochwĂŒchsig ist. Nach aktuellen SchĂ€tzungen beherbergen die Weihnachtsbaumkulturen sogar mehr als ein Drittel der nordrhein-westfĂ€lischen Heidelerchenpopulation. Die umfassenden Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Ecological Indicators publiziert:

Fartmann, T., Kämpfer, S., Brüggeshemke, J., Juchem, M., Klauer, F., Weking, S. & F. Löffler (2018): Landscape-scale effects of Christmas-tree plantations in an intensively used low-mountain landscape – Applying breeding bird assemblages as indicators. Ecological Indicators 94: 409–419. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.07.006

Gewinner und Verlierer – Aktuelle Studie prognostiziert ArealverĂ€nderungen bei Tagfaltern

Klimawandel, Tagfalter, Satyrium spini, ArealverÀnderung
Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini)

[10. Juli 2018] Eine immer grĂ¶ĂŸere Anzahl an Wissenschaftlern geht davon aus, dass der Klimwandel die BiodiversitĂ€t zukĂŒnftig stĂ€rker beeinflussen könnte als direkte LebensraumverĂ€nderungen. Es werden jedoch im Hinblick auf die erwarteten KlimaverĂ€nderungen artspezifisch sehr unterschiedliche Reaktionsmuster prognostiziert. Aufgrund ihrer spezialisierten Lebensweise gelten Tagfalter als eine der am besten geeigneten Indikatorgruppen zur Untersuchung der Klimawandeleffekte in terrestrischen Ökosystemen. Anhand einer detaillierten Analyse der mikroklimatischen PrĂ€ferenzen von drei spezialisierten Tagfalterarten in Kalkmagerrasen des Diemeltals konnte nun die zukĂŒnftige Verbreitung dieser Spezies entlang eines Höhengradienten modelliert werden. Temperatur und Luftfeuchte unterschieden sich in den aktuell besiedelten Mikrohabitaten der Arten deutlich. WĂ€hrend der Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa) eine PrĂ€ferenz fĂŒr kĂŒhl-feuchte Habitatbedingungen zeigte, bevorzugten der Ehrenpreis-Scheckenfalter (Melitaea aurelia) und der Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini) warme und trockene Mikrohabitate. Da die aktuelle Verbreitung der Modellorganismen im Untersuchungsgebiet vor allem durch klimatische Faktoren limitiert wird, kann davon ausgegangen werden dass eine weitere KlimaerwĂ€rmung auf dem Niveau der vergangenen Jahre mittelfristig zu deutlichen ArealverĂ€nderungen der Arten fĂŒhren wird. Auf der Grundlage der Ergebnisse unserer Studie muss E. medusa als ein klarer Verlierer des Klimawandels eingestuft werden, wohingegen M. aurelia und S. spini ihr Verbreitungsgebiet voraussichtlich in höhere Lagen erweitern werden. Da fĂŒr alle drei Arten eine hohe Naturschutzrelevanz besteht, sollten zukunftsfĂ€hige Schutzmaßnahmen etabliert werden, die es den Arten ermöglichen auf klimatische VerĂ€nderungen zu reagieren.

Stuhldreher, G. & T. Fartmann (2018): Threatened grassland butterflies as indicators of microclimatic niches along an elevational gradient – Implications for conservation in times of climate change. Ecological Indicators 94: 83–98. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.06.043

Auszeichnung fĂŒr Projekt „Bergheide-Ökosysteme im Rothaargebirge“

Bergheide, Kulturlandschaft, UN Dekade, Biologische Vielfalt
Traditionelle Beweidung in den Bergheiden des Rothaargebirges

[26. Juni 2018] Bergheiden sind ein bedeutender Bestandteil der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges, jedoch wurde die Ausdehung der montanen Zwergstrauchheiden mit Aufgabe der traditionellen Heidebewirtschaftung stark zurĂŒckgedrĂ€ngt. Die verbliebenen FlĂ€chen sind von herausragender Bedeutung fĂŒr den Erhalt der biologischen Vielfalt in Mitteleuropa. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern entwickeln wir Lösungen fĂŒr bestehende Managementkonflikte und nachhaltige Konzepte fĂŒr die Wiederherstellung ehemaliger Heidestandorte. Mit dem Projekt soll ein weiterer RĂŒckgang der Bergheiden gestoppt, der Erhaltungszustand der verbliebenen HeideflĂ€chen verbessert und der Erhalt montaner Zwergstrauchheiden dauerhaft gesichert werden. Durch die weitreichende Relevanz unserer Untersuchungen und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern wurde das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Vorhaben nun durch die hessische Umweltministerin Priska Hinz als „Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet. Dabei wurde besonders hervorgehoben, dass der Erhalt der Bergheiden einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt leistet. Mit der Renaturierung frĂŒherer BergheideflĂ€chen beabsichtigen wir weiterhin, den lĂ€nderĂŒbergreifenden Biotopverbund zu fördern und somit den Fortbestand artenreicher Lebensgemeinschaften in der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges zu sichern.

DO-G unterstĂŒtzt Forschungsprojekt zu Avizönosen in montanen Grasland-Ökosystemen

Borstgrasrasen, Arnica montana, Hotzenwald
Montanes Weidfeld im SĂŒdschwarzwald

[15. Juni 2018] Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) unterstĂŒtzt ein Forschungsvorhaben unserer externen Masterstudierenden Friederike Kunz. Im Fokus der Untersuchungen stehen aktuelle Entwicklungen, die die DiversitĂ€t der Avizönosen des montanen Graslands zukĂŒnftig verstĂ€rkt negativ beeintrĂ€chtigen könnten. Aktuell sind viele Vogelarten des genutzten Offenlandes bereits von dramatischen BestandsrĂŒckgĂ€ngen betroffen. Vielfach werden diese PopulationseinbrĂŒche mit der in Nordwest- und Mitteleuropa nahezu flĂ€chendeckenden, intensiven Landwirtschaft in Verbindung gebracht. Im SĂŒdschwarzwald dagegen, sind extensiv bewirtschaftete Grasland-Ökosysteme noch weit verbreitet. In den tieferen Lagen dominiert gemĂ€htes Grasland, hĂ€ufig verzahnt mit Flachmooren. KleinrĂ€umige Mosaike aus grasig-krautiger Vegetation, ZwergstrĂ€uchern, WacholderbĂŒschen und Gehölzgruppen charakterisieren die Weidfelder der höheren Lagen. Charaktervögel dieser Landschaft sind gefĂ€hrdete Brutvogelarten wie Neuntöter, Wiesen- und Baumpieper, Braunkehlchen und Goldammer. Jedoch ist auch das Grasland im Untersuchungsgebiet mit seinen artenreichen Biozönosen zunehmend durch Nutzungsintensivierung und den Ausbau der Tourismusinfrastruktur gefĂ€hrdet. In unserer Studie untersuchen wir, welche Faktoren das Vorkommen gefĂ€hrdeter Brutvogelarten von Grasland-Ökosystemen auf der Landschafts- und Habitatebene bestimmen. Basierend auf diesen Daten werden Konzepte fĂŒr den effektiven Schutz der artenreichen Grasland-Ökosysteme im SĂŒdschwarzwald erarbeitet.

Ausbreitung von Bromus erectus gefÀhrdet auf lange Sicht die BiodiversitÀt in Kalkmagerrasen

Kalkmagerrasen, Leontodon hispidus, BiodiversitÀtshotspot
Kalkmagerrasen mit BlĂŒhaspekt des Steifhaarigen Löwenzahns (Leontodon hispidus)

[22. Mai 2018] Eine aktuelle Studie in der internationalen Fachzeitschrift Insect Conservation and Diversity belegt, dass durch die Ausbreitung der Aufrechten Trespe (Bromus erectus) langfristig negative Auswirkungen auf die BiodiversitĂ€t von Kalkmagerrasen zu erwarten sind. WĂ€hrend die Art in SĂŒddeutschland bereits seit Jahrhunderten zu den dominierenden SĂŒĂŸgrĂ€sern in Kalkmagerrasen zĂ€hlt, hat sie sich in Norddeutschland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgebreitet. Im Untersuchungsgebiet der Studie, dem Diemeltal, trat Bromus erectus selbst bis Ende der 1990er-Jahre nur vereinzelt auf. Mit dem Forstschreiten der globalen KlimaerwĂ€rmung hat sich die Art in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch auch hier massiv ausgebreitet und tritt nun in wĂ€rmebegĂŒnstigten Lagen verstĂ€rkt bestandsbildend auf. Bromus erectus kann sich unter zunehmender Trockenheit und steigenden Temperaturen hervorragend reproduzieren und im Vergleich zu konkurrenzschwĂ€cheren Pflanzenarten im Laufe einer Vegetationsperiode mehr Biomasse aufbauen. Dadurch wird die Ausbreitung der Art begĂŒnstigt. Diese Entwicklung hat im Diemeltal zu einer zunehmenden Homogenisierung der Vegetationsstruktur und einer signifikanten Abnahme der Pflanzenartenvielfalt in den von Bromus dominierten KalkmagerrasenbestĂ€nden gefĂŒhrt. Gleichzeitig konnte in ProbeflĂ€chen mit lediglich sehr geringer Deckung der Art eine erhöhte DiversitĂ€t spezialisierter Zikadenarten nachgewiesen werden. Da zu erwarten ist dass sich Bromus erectus im Zuge des Klimawandels weiter ausbreiten wird, kann auf lange Sicht ohne gezieltes Management mit noch weitreichenderen Folgen fĂŒr die Pflanzen- und Arthropodenvielfalt in Kalkmagerrasen gerechnet werden. Um den negativen Auswirkungen dieser Entwicklung entgegenzusteuern, sollten in den betroffenen BestĂ€nden angepasste Pflegemaßnahmen wie z.B. eine saisonale Intensivierung der Beweidung oder Brandmanagement erprobt werden.

Poniatowski, D., Hertenstein, F., Raude, N., GottbehĂŒt, K., Nickel, H. & T. Fartmann (2018): The invasion of Bromus erectus alters species diversity of vascular plants and leafhoppers in calcareous grasslands. Insect Conservation and Diversity. doi: doi.org/10.1111/icad.12302s.de

Große Bedeutung von Allmendweiden fĂŒr eine gefĂ€hrdete Singvogelart

Allmendweide, Traditionelle Landnutzung, Baumpieperhabitat
Allmendweide in der prÀ-alpinen Agrarlandschaft Oberbayerns

[07. Mai 2018] Agrarlandschaften spielen eine wichtige Rolle fĂŒr den Erhalt der BiodiversitĂ€t in Europa. Jedoch lassen sich fĂŒr viele agrartypische Arten weiterhin dramatische BestandseinbrĂŒche dokumentieren. Dies ist vor allem eine Folge des Landnutzungswandels, der in Mitteleuropa zu einer zunehmenden Homogenisierung der Landschaft gefĂŒhrt hat. Dadurch wird beispielsweise das Angebot geeigneter Habitatstrukturen fĂŒr Feldvögel stark eingeschrĂ€nkt. Gleichzeitig fĂŒhrt diese Entwicklung heute zu einer zunehmenden Limitierung des Nahrungsangebots. Der Baumpieper (Anthus trivialis) war frĂŒher eine sehr weit verbreitete Art europĂ€ischer Agrarlandschaften. Seit den 1980er-Jahren ließen sich jedoch vielerorts dramatische BestandseinbrĂŒche verzeichnen. Die BrutbestĂ€nde haben in den letzten 30 Jahren bundesweit um mehr als 50 % abgenommen. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Journal of Ornithology konnte nun die herausragende Bedeutung von Allmendweide-Ökosystemen fĂŒr den Baumpieper nachgewiesen werden. Im Vergleich zu der umgebenden Agrarlandschaft wiesen die besiedelten Reviere in den Allmenden eine höhere LandschaftsheterogenitĂ€t auf. Die geringe LandnutzungsintensitĂ€t in diesen traditionellen sozi-ökologischen Systemen gewĂ€hrleistet der Art die VerfĂŒgbarkeit geeigneter Habitatstrukturen und eines ausreichenden Nahrungangebots. Da neben dem Baumpieper viele weitere naturschutzrelevante Arten von der traditionellen Allmendweidewirtschaft profitieren, sollte diese Landnutzungsform auch zukĂŒnftig dringend aufrechterhalten und intensiv gefördert werden.

Schwarz, C., Trautner, J. & T. Fartmann (2018): Common pastures are important refuges for a declining passerine bird in a pre-alpine agricultural landscape. Journal of Ornithology 159: 945–954. doi: doi.org/10.1007/s10336-018-1561-0

Umweltministerium NRW fördert Literaturstudie zum Insektensterben

Wildbienen, Insektensterben, BestÀubungsökologie
Schmuckbiene (Epeoloides coecutiens)

[16. MĂ€rz 2018] Das Ministerium fĂŒr Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) fördert eine Literaturstudie zur Untersuchung der Ursachen des Artensterbens und Biomasseverlustes bei Insekten. In Nordrhein-Westfalen werden aktuell 55 % der Schmetterlinge, 52 % der Wildbienen und Wespen, 48 % der Heuschrecken und 45 % der Libellen auf der Roten Liste der gefĂ€hrdeten Pflanzen, Pilze und Tiere des Landes NRW gefĂŒhrt. Durch langjĂ€hrige Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld konnte empirisch belegt werden, dass die Fluginsekten-Biomasse in Nordrhein-Westfalen seit 1989 um bis zu 80 % abgenommen hat. Insekten nehmen eine SchlĂŒsselfunktion in Ökosystemen ein. Einerseits leisten sie durch die BestĂ€ubung von BlĂŒtenpflanzen, darunter auch viele Nutzpflanzen, unverzichtbare Ökosystemdienstleistungen. DarĂŒber hinaus sind sie eine bedeutende Nahrungsquelle fĂŒr viele Vogelarten. Das massive Insektensterben hat somit weitreichende Folgen fĂŒr die StabilitĂ€t der Ökosysteme Mitteleuropas. Vor diesem Hintergrund besteht dringender Handlungsbedarf, dem Verlust der Insekten entgegenzusteuern. Um gezielte Maßnahmen einleiten zu können, mĂŒssen zuvor die bestehenden WissenslĂŒcken ĂŒber die GrĂŒnde des RĂŒckgangs der Insekten geschlossen werden. Im Rahmen der nun geförderten Literaturstudie wird ein umfassender, ökosystemĂŒbergreifender Überblick ĂŒber die vielfĂ€ltigen Ursachen des Insektensterbens erarbeitet. Die Ergebnisse der Recherchen sollen den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Arten- und Biomasseverlust der Insekten verbessern und dienen als Diskussionsgrundlage fĂŒr politische EntscheidungstrĂ€ger.

Klimawandel begĂŒnstigt Besiedlung von SteinbrĂŒchen durch gefĂ€hrdete Heuschreckenart

Steinbruch,Sukzession,Naturschutz,gefÀhrdte Arten
SteinbrĂŒche – Hotspots der biologischen Vielfalt

[26. Januar 2018] Der rezente Klimawandel begĂŒnstigt die Ausbreitung wĂ€rmeliebender Heuschreckenarten in Mitteleuropa. Durch den Mangel geeigneter LebensrĂ€ume in intensiv genutzten Landschaften konnten spezialisierte und gefĂ€hrdete Arten aber bisher kaum von dieser Entwicklung profitieren. Die Ergebnisse einer in der Fachzeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung publizierten Studie belegen jedoch, dass die aktuelle Besiedlung von KalksteinbrĂŒchen in der WestfĂ€lischen Bucht durch die wĂ€rmeliebende BlauflĂŒgelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folge des klimawandelbedingten Temperaturanstiegs ist. Die Ausbreitung der stark gefĂ€hrdeten Art fĂ€llt in eine Periode, die durch deutlich höhere Temperaturen im Vergleich zum langjĂ€hrigen Mittel gekennzeichnet ist. Diese Bedingungen fördern die Larvalentwicklung und AusbreitungsfĂ€higkeit der Art. Im Gegensatz dazu gibt es aus den letzten Jahrzehnten keine Hinweise fĂŒr eine Zunahme geeigneter Habitate in der WestfĂ€lischen Bucht. SchlĂŒsselfaktoren fĂŒr die Besiedlung der untersuchten SteinbrĂŒche waren erstens eine ausreichende FlĂ€che an Pioniervegetation und zweitens eine geringe Entfernung zu den sĂŒdwestlich gelegenen Quellpopulationen im Ruhrgebiet. SteinbrĂŒche stellen in der heute intensiv genutzten Landschaft Mitteleuropas wichtige LebensrĂ€ume fĂŒr den Schutz der BiodiversitĂ€t dar. Aufgrund der sehr geringen Sukzessionsgeschwindigkeit sind SteinbrĂŒche auch nach Einstellung des Gesteinsabbaus oft fĂŒr Jahrzehnte durch das Vorkommen frĂŒher Sukzessionsstadien mit ihren typischen Artengemeinschaften gekennzeichnet und sollten deshalb verstĂ€rkt im Fokus des Naturschutzes stehen.

Kettermann, M. & T. Fartmann (2018): Auswirkungen des globalen Wandels auf Heuschrecken – Besiedlung von SteinbrĂŒchen der WestfĂ€lischen Bucht (NW-Deutschland) durch die BlauflĂŒgelige Sandschrecke. Naturschutz und Landschaftsplanung 50 (1): 23–29.

RegenrĂŒckhaltebecken fördern LibellendiversitĂ€t im urbanen Raum

Libellen, Odonata, Ischnura pumilio, BiodiversitÀt
Kleine Pechlibelle (Ischnura pumilio)

[12. Januar 2018] Die weltweit starke Zunahme urbanisierter FlĂ€chen ist eine ernstzunehmende GefĂ€hrdungsursache fĂŒr die biologische Vielfalt. Umso bedeutender ist es, den negativen Folgen der Urbanisierung entgegenzuwirken. Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung im Rahmen des Promotionsvorhabens von unserer Doktorandin Lisa Holtmann belegen in diesem Zusammenhang, dass RegenrĂŒckhaltebecken positive Auswirkungen auf die BiodiversitĂ€t im urbanen Raum haben können. Bei den untersuchten GewĂ€ssern handelt es sich um neuartige Ökosysteme, die zum Hochwasserschutz im suburbanen Raum angelegt wurden, wohingegen die zum Vergleich herangezogenen KontrollgewĂ€sser meist in der umgebenden Agrarlandschaft lagen. An RegenrĂŒckhaltebecken konnten im Vergleich zu den KontrollgewĂ€ssern im Mittel höhere Artenzahlen und höhere Libellenabundanzen nachgewiesen werden. Dabei waren insbesondere gefĂ€hrdete Arten verstĂ€rkt an den RegenrĂŒckhaltebecken anzutreffen. Durch das regelmĂ€ĂŸige Management der RegenrĂŒckhaltebecken wiesen diese in der Regel eine gute HabitatqualitĂ€t auf, wohingegen die KontrollgewĂ€sser beispielsweise durch ein ungĂŒnstigeres Mikroklima und eine höhere Phosphatkonzentration gekennzeichnet waren. Aufgrund dieser Tatsache spielen RegenrĂŒckhaltebecken trotz der geringen landschaftlichen QualitĂ€t in der Umgebung eine wichtige Rolle als Libellenlebensraum. Folglich kann den untersuchten RegenrĂŒckhaltebecken eine große Bedeutung fĂŒr den Artenschutz in StĂ€dten beigemessen werden. Die Studie wurde im Rahmen des Promotionsstipendienprogramms der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert und wurde nun erfolgreich in der internationalen Fachzeitschrift Ecological Engineering publiziert:

Holtmann, L., Juchem, M., BrĂŒggeshemke, J., Möhlmeyer, A. & T. Fartmann (2018): Stormwater ponds promote dragonfly (Odonata) species richness and density in urban areas. Ecological Engineering. 118: 1–11. doi: doi.org/10.1016/j.ecoleng.2017.12.028