Thomas Fartmann | Biodiversität und Landschaftsökologie



Aktuelles

Glückwunsch zur erfolgreichen Promotion über die Biodiversität von Regenrückhaltebecken

Lisa Holtmann
Dr. Lisa Holtmann und apl. Prof. Dr. Thomas Fartmann

[23. März 2019] Wir gratulieren Dr. Lisa Holtmann herzlich zum erfolgreichen Abschluss ihrer Promotion. Ihre Dissertationsschrift mit dem Titel „Stormwater ponds as biodiversity hotspots in urban areas“ beleuchtet die Bedeutung von Regenrückhaltebecken für die Biodiversität in urbanen Räumen. Die zunehmende Urbanisierung gilt als eine der Hauptursachen für den globalen Biodiversitätsverlust. Wissenschaftliche Studien, die Maßnahmen zum Erhalt der urbanen Biodiversität aufzeigen, sind deshalb von besonderer Relevanz. Durch die Analyse der Biodiversitätsmuster in verschiedenen Artengruppen konnte im Rahmen der Promotion von Lisa Holtmann nun gezeigt werden, dass Regenrückhaltebecken einen positiven Einfluss auf die Biodiversität in mittleuropäischen Städten haben können. In der Regel wiesen Regenrückhaltebecken im Vergleich zu den Gewässern in der Normallandschaft eine bessere Habitatqualität auf. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich das regelmäßige Management der Regenrückhaltebecken begünstigend auf die lokale Biodiversität auswirkt. Bei der Einrichtung von Regenrückhaltebecken sollte eine möglichst hohe Habitatheterogenität angestrebt werden, die die Koexistenz von Arten mit unterschiedlichen Habitatansprüchen ermöglicht. Die umfassenden Ergebnisse der Untersuchungen wurden bisher in vier internationalen Fachartikeln publiziert.

Jonas Brüggeshemke mit NWO-Förderpreis ausgezeichnet

Jonas Brüggeshemke
Preisträger Jonas Brüggeshemke bei Kartierarbeiten

[01. März 2019] Die Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft (NWO) vergibt im regelmäßigen Turnus den NWO-Förderpreis an herausragende ornithologische Arbeiten junger Nachwuchswissenschaftler. Im Rahmen der diesjährigen NWO-Jahrestagung wurde unser Masterabsolvent Jonas Brüggeshemke für seine Forschung zu den Habitatansprüchen und zur Populationsdynamik des Raubwürgers (Lanius excubitor) im Hochsauerland ausgezeichnet. Die Ergebnisse seiner Arbeit belegen eindrucksvoll, dass die deutschlandweit gefährdete Art im Untersuchunsgebiet entgegen dem bundesweiten Trend kurzfristig eine positive Populationsentwicklung aufweist. Neben den traditionell besiedelten Brutrevieren in mageren Grünlandhabitaten, konnte sich die Art in den letzten Jahren auf Windwurfflächen erfolgreich etablieren. Dies Habitate sind infolge des Orkans Kyrill im Jahr 2007 entstanden und zeichnen sich nun durch ein reichhaltiges Nahrungsangebot und das Vorhandensein geeigneter Brutplätze für den Raubwürger aus. Darüber hinaus lies sich ein positiver Einfluss von Weihnachtsbaumkulturen auf die Habitatwahl der Art feststellen. Reviere im Intensivgrünland wurden in den letzten Jahren hingegen vermehrt aufgegeben. Die Studie verdeutlicht einerseits die Bedeutung extensiv genutzter Grünlandhabitate für den Raubwürger, zeigt aber gleichzeitg dass Störungsereignisse wie der Orkan Kyrill die Biodiversität mitteleuropäischer Landschaften signfikant positiv beeinflussen können.

Forschung zur tierökologischen Bedeutung von Regenrückhaltebecken im Projekt „StucK“

Bekassine
Bekassine (Gallinago gallinago)

[08. Februar 2019] In Kooperation mit der Abteilung für Angewandte Pflanzenökologie der Universität Hamburg evaluieren wir im Rahmen des Projektes StucK („Sicherstellung der Entwässerung küstennaher, urbaner Räume unter Berücksichtigung des Klimawandels“) die Bedeutung von Regenrückhaltebecken für die Biodiversität. Aufbauend auf den Erfahrungen vorangegangener Forschungsarbeiten führen wir faunistische Begleituntersuchungen zur Habitateignung von Trockenbecken in küstennahen, urbanen Räumen durch. Bisherige wissenschaftliche Studien zur Biodiversität in Regenrückhaltebecken belegen, dass diese neuartigen Ökosysteme einen positiven Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt in Städten leisten können. Beispielsweise wiesen Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet von Münster im Vergleich zu Kontrollgewässern höhere Libellenartenzahlen auf. Gleichzeitig stellten sie ein geeignetes Reproduktionshabitat für Amphibien dar. Insbesondere die Habitatstruktur der zum Hochwasserschutz angelegten Becken entscheidet darüber, ob diese als Lebensraum für wertgebende Arten geeignet sind. Anhand verschiedener Indikatorgruppen soll beispielhaft für die Stadt Hamburg ein nachhaltiges Konzept erarbeitet werden, welches die Interessen des Gewässermanagements und des Biodiversitätsschutzes vereint. Vor dem Hintergrund der Zunahme klimatischer Extremereignisse wird hierbei das bestehende Hochwasserschutzkonzept durch innovative, biodiversitätsfördernde Lösungsansätze ergänzt. Das interdisziplinär ausgerichtete Forschungsvorhaben wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Habitatqualität entscheidet über das Vorkommen spezialiserter Schmetterlingsarten im Magergrasland

Erebia medusa
Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa)

[23. Januar 2019] Extensiv genutzte Graslandhabitate zählen zu den artenreichsten Ökosystemen Europas. Jedoch ist der Fortbestand der Biodiversität dieser Lebensräume zunehmend gefährdet. Sowohl die Landnutzungsintensivierung als auch das Brachfallen haben in Mitteleuropa zu einem starken Rückgang des mageren Graslands geführt. Schmetterlinge gelten aufgrund ihrer spezifischen Lebensweise als eine der am besten geeigneten Artengruppen zur Analyse landnutzungsbedingter Veränderungen auf der Habitat- und Landschaftsebene. Im Kontext des Projektes „Biotopverbund als Klimaanpassungsstrategie des Naturschutzes in der Beispielregion Naturpark Diemelsee“ (gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt – DBU) wurden die Auswirkungen der Landschaftsstruktur und der Habitatqualität auf das Vorkommen zweier spezialisierter Schmetterlingsarten detailliert untersucht. Die im Journal of Insect Conservation veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass sowohl der Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa) als auch das Ampfer-Grünwidderchen (Adscita statices) auf eine extensive Nutzung oder frühe Brachestadien angewiesen sind. Auf der Habitatebene zeigten beide Arten eine Präferenz für eine ausgeprägte Streuschicht. Für das Vorkommen von A. statices konnte zudem eine hohe Wirtspflanzendeckung als weiterer entscheidender Faktor ermittelt werden. Faktoren auf der Landschaftsebene spielten in der gute vernetzten Landschaft des Projektgebietes eine untergeordnete Rolle. Jedoch waren die von E. medusa besiedelten Habitate zu einem geringeren Anteil von Äckern umgeben. Dieser Zusammenhang unterstreicht, dass Graslandhabitate im Kontext landwirtschaftlich intensiv genutzter Agrarlandschaften häufig durch eine geringere Artenvielfalt gekennzeichnet sind.

Münsch, T., Helbing, F. & T. Fartmann (2019): Habitat quality determines patch occupancy of two specialist Lepidoptera species in well-connected grasslands. Journal of Insect Conservation. doi: doi.org/10.1007/s10841-018-0109-1

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Marco Drung erhält Stifter-Preis der Universität Osnabrück für den besten Masterabschluss

Steinschmätzer
Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe)

[13. Dezember 2018] Unser Masterabsolvent Marco Drung wurde für exzellente Leistungen im Rahmen seines Masterstudiums und seiner Abschlussarbeit mit dem Stifter-Preis der Universität Osnabrück (Fachbereich Biologie/Chemie) ausgezeichnet. In seiner Masterarbeit untersuchte er die Eignung von Torfabbaugebieten als Ersatzlebensraum für den Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe). Da die Art in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, haben die in seiner Arbeit erzielten Forschungsergebnisse eine besondere Relevanz für den Naturschutz. Durch die großflächige Entwässerung der Hochmoore im Zuge des Landnutzungswandels, lassen sich im Nordwesten Deutschlands heute nur noch wenige, zumeist stark degradierte Moorökosysteme vorfinden. Dem Erhalt intakter Hochmoorflächen sollte europaweit höchste Priorität beigemessen werden. Das Gros der untersuchten Abbauflächen befindet sich jedoch auf historischen Hochmoorstandorten, die zuvor bereits über mehrere Jahrzehnte intensiv landwirtschaftlich genutzt wurden. Es kann davon ausgegangen werden, dass der hohe Offenbodenanteil der Abtorfungsflächen dem Steinschmätzer die Nahrungssuche erleichtert. Darüber hinaus bieten Torfsodenstapel mit versteckten Hohlräumen gute Nistmöglichkeiten. Auf Grund des großflächigen Verlustes geeigneter Bruthabitate in der mitteleuropäischen Agrarlandschaft, stellen Torfabbaugebiete neben anderen Sekundärlebensräumen wie z.B. Bergbaufolgelandschaften, Steinbrüchen und Truppenübungsplätzen die letzten Refugien des Steinschmätzers in Norddeutschland dar. Nach Einstellung der Abtorfung werden die Flächen zudem wiedervernässt und renaturiert, sodass sich an diesen Standorten langfristig neue Moorökosysteme entwickeln können.

Klimawandel erfordert neue Maßnahmen zum Schutz von Grasland- und Heideökosystemen

Bergmähwiese
Bergmähwiese mit Blühaspekt des Schlangen-Knöterichs (Bistorta officinalis)

[16. November 2018] Die Auswirkungen des Klimawandels erfordern weitreichende Handlungen zum Schutz der mitteleuropäischen Ökosysteme. In einem aktuellen Artikel in der Fachzeitschrift Natur und Landschaft werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Grasland- und Heideökosystemen zusammengefasst und darauf aufbauend Handlungsempfehlungen formuliert. Auf Grund der globalen Erwärmung und zunehmender Sommertrockenheit besteht insbesondere für feuchteabhängige und montane Grasland- und Heidelebensräume ein hohes Gefährdungspotenzial. Vor allem kalt-stenotherme Organismen gelten als hochsensibel gegenüber dem Klimawandel. Beispielsweise haben steigende Wintertemperaturen zu Arealverlusten beim Rundaugen-Mohrenfalters (Erebia medusa) geführt. Zusätzlich können indirekte Effekte des Klimawandels, wie beispielsweise der Ausbau erneuerbarer Energien, zu Veränderungen der Artgemeinschaften im Offenland beitragen. Diese Ergebnisse zeigen exemplarisch dass dringend weitere Vorkehrungen getroffen werden müssen, die die Anpassung der Arten an die veränderten Umweltbedingungen unterstützen. Neben der Optimierung des Habitatangebots gehört hierzu auch der Aufbau eines Biotopverbundsystems auf lokaler und überregionaler Ebene. Die Studie wurde vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) gefördert.

Streitberger, M., Fartmann, T., Ackermann, W., Balzer, S., & S. Nehring (2018): Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Grasland- und Heideökosystmen – Kausalanalyse und Entwicklung nachhaltiger Anpassungsstrategien. Natur und Landschaft 93 (12): 545–552.

Studie belegt klimainduzierte Arealerweiterung bei Heuschrecken in Mitteleuropa

Sumpfschrecke, Arealerweiterung, Klimawandel, Heuschrecken
Sumpfschrecke (Stethophyma grossum)

[15. Oktober 2018] Trotz des großflächigen Verlusts und der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Mitteleuropa, konnte sich fast ein Drittel der in Deutschland heimischen Heuschreckenarten während der letzten Jahrzehnte ausbreiten. Das Ausmaß der Arealerweiterungen ist artspezifisch sehr unterschiedlich und abhängig von verschiedenen Faktoren wie den Habitatansprüchen und der Mobilität der Arten sowie der Landschaftsausstattung am Arealrand. Starke Arealerweiterungen, insbesondere in den ehemals sommerkühlen Gebieten Deutschlands setzten zeitgleich mit dem starken Temperaturanstieg seit Ende der 1980er-Jahre ein. Daher scheint der Klimawandel maßgeblich verantwortlich für diese Entwicklung zu sein. Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur Habitatgeneralisten ausgebreitet haben, sondern auch – trotz verminderter Habitatverfügbarkeit – xerophile Offenbodenspezialisten und hygrothermophile Feuchtgrünlandarten. Jedoch ist davon auszugehen, dass Arten deren Eistadien sensibel gegenüber Trockenheit sind, durch die zunehmende Häufigkeit von Dürreperioden negativ beeinträchtigt werden können. Die wenigen in Deutschland ausschließlich montan und alpin verbreiteten Arten dürften ebenfalls Verlierer des Klimawandels sein. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift für Naturschutz und Landschaftspflege – Natur und Landschaft publiziert.

Poniatowski, D., Münsch, T., Helbing, F. & T. Fartmann (2018): Arealerweiterungen bei mitteleuropäischen Heuschrecken als Folge des Klimawandels. Natur und Landschaft 93 (12): 553–561.

Düngung führt zu erhöhter Mortalität von Schmetterlingsraupen

Brauner Feuerfalter, Lycaena tityrus, Stickstoffanreicherung
Brauner Feuerfalter (Lycaena tityrus)

[26. September 2018] Die landwirtschaftliche Intensivierung gilt als die Hauptursache für das flächendeckende Verschwinden vieler Schmetterlingsarten in West- und Mitteleuropa. Der Rückgang der Artenvielfalt wurde dabei häufig mit der zunehmenden Degradierung und Fragmentierung der Habitate in Verbindung gebracht, wohingegen Veränderungen der Wirtspflanzenqualität bisher weitestgehend unberücksichtigt blieben. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Oecologia zeigen jedoch, dass zu hohe Stickstoffkonzentrationen in den Wirtspflanzen zu einer stark erhöhten Mortalitätsrate bei Schmetterlingsraupen führen können. In der Untersuchung wurden in einem experimentellen Ansatz die Überlebensraten der Raupen von insgesamt sechs weit verbreiteten Tag- und Nachtfalterarten unter verschiedenen Düngeszenarien dokumentiert. Die simmulierten Stickstoffgaben entsprachen dabei den in der mitteleuropäischen Landwirtschaft aktuell üblichen Düngemengen. Die Düngung hat dabei zu einer Zunahme des Stickstoffgehalts in den Wirtspflanzen und gleichzeitig zu einer deutlich erhöhten Mortalitätsrate der Schmetterlingsraupen aller Modellarten geführt. Mit den Forschungsergebnissen liegt nun erstmalig ein Beleg vor, dass die aktuellen Düngeraten den physiologischen Toleranzbereich der meisten Schmetterlingsarten überschreiten dürften. Es ist somit davon auszugehen, dass die Düngung durch ihren Einfluss auf die Wirtspflanzenqualität direkt zum flächendeckenden Rückgang vieler Schmetterlingsarten beiträgt.

Kurze, S., Heinken, T. & T. Fartmann (2018): Nitrogen enrichment in host plants increases the mortality of common Lepidoptera species. Oecologia 188: 1227–1237.

BfN fördert Konzeptentwicklung für bundesweites Insektenmonitoring

Insektenmonitoring, Insektensterben, Wildbiene, Halictus scabiosae
Gelbbindige Furchenbiene (Halictus scabiosae)

[21. August 2018] Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat uns damit beauftragt, ein umfassendes Konzept für das bundesweite Insektenmonitoring zu entwickeln. Aktuelle Studien haben lokal drastische Rückgänge von Insektenpopulationen festgesetellt. Es fehlen jedoch bislang bundesweit repräsentative, standardisiert erhobene Daten zu Langzeitveränderungen von Insektenbeständen. Als Bestandteil eines weitreichenden Biodiversitätsmonitorings soll mit dem nun geförderten Forschungs- und Entwicklungsvorhaben erstmalig eine Grundlage geschaffen werden, wie in Zukunft belastbare Daten zu den großflächigen Populationsentwicklungen der Insekten dokumentiert werden können. Dabei streben wir an, zum einen den Zustand und die Veränderungen der Insekten der Normallandschaft und zum anderen die Bestände und Trends naturschutzfachlich wertgebender Arten lebensraumübergreifend zu erfassen. In Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern werden wir unter Berücksichtigung fachlicher, methodischer und organisatorischer Gesichtspunkte den Aufbau des Insektenmonitorings bis zum Jahr 2020 schrittweise konkretisieren. In den konzeptionellen Überlegungen wird geprüft, ob Synergien zu bereits bestehenden Monitoringprogrammen, Citizen-Science-Projekten, wissenschaftlichen Sammlungen, sowie zu der Arbeit von entomologischen Vereinen und Fachgesellschaften in das Vorhaben einbezogen werden können. Die Monitoringdaten sollen zukünftig zur Analyse räumlich-zeitlicher Zusammenhänge zwischen den Insektenbeständen und Umweltveränderungen dienen.

Pressemitteilung des BfN

Projektpartner: Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden, Planungsbüro für angewandten Naturschutz GmbH, Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen e. V., Entomologischer Verein Krefeld e. V.

Habitatqualität bedeutendster Faktor für das Vorkommen von spezialisierten Insektenarten

Landnutzungswandel, Habitatfragmentierung, Metapopulation, Argynnis aglaja
Großer Perlmutterfalter (Argynnis aglaja)

[13. August 2018] Infolge des Landnutzungswandels sind artenreiche Graslandhabitate heute häufig stark degradiert und voneinander isoliert. Habitatqualität, Flächengröße und Habitatkonnektivität gelten als die entscheidenden Faktoren, die das Vorkommen von Habitatspezialisten in fragmentierten Landschaften bestimmen. Es wird jedoch bis heute kontrovers diskutiert, welcher dieser Faktoren die größte Bedeutung für den Artenschutz besitzt. Im Rahmen einer großräumig angelegten Studie wurde nun anhand von Modellorganismen verschiedener Insektenordnungen die relative Bedeutung dieser Faktoren analysiert. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die Habitatqualität, gefolgt von der Flächengröße, den stärksten Einfluss auf das Vorkommen von Habitatspezialisten in Kalkmagerrasen hatte. Bei einer zunehmenden Fragmentierung der Graslandpatches würde die Konnektivität jedoch vermutlich stärker ins Gewicht fallen. Mit der Abhandlung in der Fachzeitschrift Biological Conservation liegt nun eine wissenschaftlich fundierte Grundlage vor, die es Naturschutzpraktikern erleichtert bei begrenzten Ressourcen den Fokus von Schutzmaßnahmen festzulegen. Es kann davon ausgegangen werden, dass in den mitteleuropäischen Grasland-Hotspots der Erhalt großflächiger und regelmäßig gemanagter Habitate den Ansprüchen der meisten Arten gerecht wird. Der Einfluss der Habitatkonnektivität sollte dabei jedoch nicht unterschätzt werden. Beispielsweise muss der Verbesserung des Biotopverbundes in landwirtschaftlich intensiv genutzten und stark ausgeräumten Landschaften eine große Bedeutung beigemessen werden. Darüber hinaus stellt die Erhöhung der Habitatkonnektivität vor dem Hintergund des Klimawandels eine besonders wichtige Anpassungsmaßnahe dar.

Poniatowski, D., Stuhldreher, G., Löffler, F. & T. Fartmann (2018): Patch occupancy of grassland specialists: Habitat quality matters more than connectivity. Biological Conservation 225: 237–244. doi: doi.org/10.1016/j.biocon.2018.07.018

Forschung für die Biodiversität in Steinbrüchen in Zeiten des globalen Wandels

Landnutzungswandel, Steinbruch, Biodiversität, Naturschutz
Kalksteinbruch mit hoher Habitatdiversität

[02. August 2018] Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert ein Forschungsprojekt zur Biodiversität und zum nachhaltigen Management von Steinbrüchen in Zeiten des globalen Wandels. In Kooperation mit zahlreichen Partnern aus der Naturschutzpraxis und Rohstoffindustrie werden in dem Vorhaben anhand verschiedener Indikatorgruppen Zusammenhänge zwischen der Artenvielfalt in Steinbrüchen und den diesbezüglich entscheidenden Umweltfaktoren analysiert. Da der Kenntnisstand zur Biodiversität von Steinbrüchen immer noch gering ist, beabsichtigen wir anhand der gewonnenen Erkenntnisse Handlungsempfehlungen für eine biodiversitätsfördernde und nachhaltige Bewirtschaftung der Abbauflächen zu erarbeiten. Die Relevanz des Projektes wird besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung von Steinbrüchen infolge der europaweit gestiegenen Nachfrage nach Baumaterialien deutlich. Gleichzeitig bergen die Abbaustätten sowohl während des Gesteinsabbaus als auch nach Aufgabe der Nutzung ein herausragendes Potenzial für den Erhalt der Biodiversität in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Trotzdem ist es immer noch häufige Praxis, Steinbrüche nach Einstellung der Abbautätigkeiten zu verfüllen und aufzuforsten. In unseren Studien streben wir an, den Naturschutzwert der Gesteinsabbaustätten im Vergleich zur umgebenden Landschaftsmatrix anhand einer hinreichenden Datengrundlage empirisch zu belegen. Darüber hinaus sollen Wissensdefizite zur Renaturierung und zum Habitatmanagement in Steinbrüchen behoben werden. Durch die breite biozönotische Basis der Untersuchungen in einem der wichtigsten europäischen Gesteinsabbaugebiete besitzt das Projekt überregionalen Modellcharakter für den Biodiversitätsschutz in Steinbrüchen.

Neue Studie belegt hohen Wert von Weihnachtsbaumkulturen für seltene Brutvögel

landnutzungswandel, Agrarlandschaft, Brutvögel, Heidelerche
Heidelerche (Lullula arborea)

[24. Juli, 2018] Traditionell haben Agrarlandschaften eine große Bedeutung für die Biodiversität. Der Wandel von der traditionellen Landnutzung hin zu einer modernen, industrialisierten Landwirtschaft hat jedoch in Europa vielerorts zu einem dramatischen Artensterben geführt. Gleichzeitig können anthropogene Landschaftsveränderungen aber auch die Entstehung neuartiger Ökosysteme begünstigen, die unter Umständen durch das Vorkommen neuer, artenreicher Lebensgemeinschaften gekennzeichnet sein können. Weihnachtsbaumkulturen sind ein charakteristisches Beispiel derartiger Lebensräume in Mitteleuropa. Seit Beginn des systematischen Weihnachtsbaumanbaus im Hochsauerland wurde die Anbaufläche dieser Kulturen kontinuierlich erweitert. Durch eine aktuelle Studie im Rahmen des Projektes „Biodiversität von Weihnachtsbaumkulturen in Mitteleuropa“ (gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt – DBU) konnte nun gezeigt werden dass Weihnachtsbaumkulturen einen regional bedeutenden Rückzugsraum für gefährdete Brutvogelarten darstellen. Trotz der generell intensiven Bewirtschaftungsweise waren die Kulturen durch eine höhere Landschaftsdiversität gekennzeichnet als andere dominierende Landschaftstypen im Untersuchungsgebiet. Darüber hinaus wurden die Brutvorkommen gefährdeter Arten sehr wahrscheinlich durch die hohe Nahrungsverfügbarkeit und -zugänglichkeit in den Kulturen gefördert. Der hohe Offenbodenanteil in den Anbauflächen begünstigt insbesondere Arten die am Boden nach Nahrung suchen, wie z.B. die Heidelerche, wohingegen die Vegetation in den ursprünglichen Lebensräumen dieser Arten heute häufig zu dicht und hochwüchsig ist. Nach aktuellen Schätzungen beherbergen die Weihnachtsbaumkulturen sogar mehr als ein Drittel der nordrhein-westfälischen Heidelerchenpopulation. Die umfassenden Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Ecological Indicators publiziert:

Fartmann, T., Kämpfer, S., Brüggeshemke, J., Juchem, M., Klauer, F., Weking, S. & F. Löffler (2018): Landscape-scale effects of Christmas-tree plantations in an intensively used low-mountain landscape – Applying breeding bird assemblages as indicators. Ecological Indicators 94: 409–419. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.07.006

Gewinner und Verlierer – Aktuelle Studie prognostiziert Arealveränderungen bei Tagfaltern

Klimawandel, Tagfalter, Satyrium spini, Arealveränderung
Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini)

[10. Juli 2018] Eine immer größere Anzahl an Wissenschaftlern geht davon aus, dass der Klimwandel die Biodiversität zukünftig stärker beeinflussen könnte als direkte Lebensraumveränderungen. Es werden jedoch im Hinblick auf die erwarteten Klimaveränderungen artspezifisch sehr unterschiedliche Reaktionsmuster prognostiziert. Aufgrund ihrer spezialisierten Lebensweise gelten Tagfalter als eine der am besten geeigneten Indikatorgruppen zur Untersuchung der Klimawandeleffekte in terrestrischen Ökosystemen. Anhand einer detaillierten Analyse der mikroklimatischen Präferenzen von drei spezialisierten Tagfalterarten in Kalkmagerrasen des Diemeltals konnte nun die zukünftige Verbreitung dieser Spezies entlang eines Höhengradienten modelliert werden. Temperatur und Luftfeuchte unterschieden sich in den aktuell besiedelten Mikrohabitaten der Arten deutlich. Während der Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa) eine Präferenz für kühl-feuchte Habitatbedingungen zeigte, bevorzugten der Ehrenpreis-Scheckenfalter (Melitaea aurelia) und der Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini) warme und trockene Mikrohabitate. Da die aktuelle Verbreitung der Modellorganismen im Untersuchungsgebiet vor allem durch klimatische Faktoren limitiert wird, kann davon ausgegangen werden dass eine weitere Klimaerwärmung auf dem Niveau der vergangenen Jahre mittelfristig zu deutlichen Arealveränderungen der Arten führen wird. Auf der Grundlage der Ergebnisse unserer Studie muss E. medusa als ein klarer Verlierer des Klimawandels eingestuft werden, wohingegen M. aurelia und S. spini ihr Verbreitungsgebiet voraussichtlich in höhere Lagen erweitern werden. Da für alle drei Arten eine hohe Naturschutzrelevanz besteht, sollten zukunftsfähige Schutzmaßnahmen etabliert werden, die es den Arten ermöglichen auf klimatische Veränderungen zu reagieren.

Stuhldreher, G. & T. Fartmann (2018): Threatened grassland butterflies as indicators of microclimatic niches along an elevational gradient – Implications for conservation in times of climate change. Ecological Indicators 94: 83–98. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.06.043

Auszeichnung für Projekt „Bergheide-Ökosysteme im Rothaargebirge“

Bergheide, Kulturlandschaft, UN Dekade, Biologische Vielfalt
Traditionelle Beweidung in den Bergheiden des Rothaargebirges

[26. Juni 2018] Bergheiden sind ein bedeutender Bestandteil der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges, jedoch wurde die Ausdehung der montanen Zwergstrauchheiden mit Aufgabe der traditionellen Heidebewirtschaftung stark zurückgedrängt. Die verbliebenen Flächen sind von herausragender Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt in Mitteleuropa. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern entwickeln wir Lösungen für bestehende Managementkonflikte und nachhaltige Konzepte für die Wiederherstellung ehemaliger Heidestandorte. Mit dem Projekt soll ein weiterer Rückgang der Bergheiden gestoppt, der Erhaltungszustand der verbliebenen Heideflächen verbessert und der Erhalt montaner Zwergstrauchheiden dauerhaft gesichert werden. Durch die weitreichende Relevanz unserer Untersuchungen und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern wurde das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Vorhaben nun durch die hessische Umweltministerin Priska Hinz als „Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet. Dabei wurde besonders hervorgehoben, dass der Erhalt der Bergheiden einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt leistet. Mit der Renaturierung früherer Bergheideflächen beabsichtigen wir weiterhin, den länderübergreifenden Biotopverbund zu fördern und somit den Fortbestand artenreicher Lebensgemeinschaften in der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges zu sichern.