Thomas Fartmann | Biodiversität und Landschaftsökologie

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Aktuelles

Habitatqualit√§t bedeutendster Faktor f√ľr das Vorkommen von spezialisierten Insektenarten

Landnutzungswandel, Habitatfragmentierung, Metapopulation, Argynnis aglaja
Großer Perlmutterfalter (Argynnis aglaja)

[13. August 2018] Infolge des Landnutzungswandels sind artenreiche Graslandhabitate heute h√§ufig stark degradiert und voneinander isoliert. Habitatqualit√§t, Fl√§chengr√∂√üe und Habitatkonnektivit√§t gelten als die entscheidenden Faktoren, die das Vorkommen von Habitatspezialisten in fragmentierten Landschaften bestimmen. Es wird jedoch bis heute kontrovers diskutiert, welcher dieser Faktoren die gr√∂√üte Bedeutung f√ľr den Artenschutz besitzt. Im Rahmen einer gro√ür√§umig angelegten Studie wurde nun anhand von Modellorganismen verschiedener Insektenordnungen die relative Bedeutung dieser Faktoren analysiert. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die Habitatqualit√§t, gefolgt von der Fl√§chengr√∂√üe, den st√§rksten Einfluss auf das Vorkommen von Habitatspezialisten in Kalkmagerrasen hatte. Bei einer zunehmenden Fragmentierung der Graslandpatches w√ľrde die Konnektivit√§t jedoch vermutlich st√§rker ins Gewicht fallen. Mit der Abhandlung in der Fachzeitschrift Biological Conservation liegt nun eine wissenschaftlich fundierte Grundlage vor, die es Naturschutzpraktikern erleichtert bei begrenzten Ressourcen den Fokus von Schutzma√ünahmen festzulegen. Es kann davon ausgegangen werden, dass in den mitteleurop√§ischen Grasland-Hotspots der Erhalt gro√üfl√§chiger und regelm√§√üig gemanagter Habitate den Anspr√ľchen der meisten Arten gerecht wird. Der Einfluss der Habitatkonnektivit√§t sollte dabei jedoch nicht untersch√§tzt werden. Beispielsweise muss der Verbesserung des Biotopverbundes in landwirtschaftlich intensiv genutzten und stark ausger√§umten Landschaften eine gro√üe Bedeutung beigemessen werden. Dar√ľber hinaus stellt die Erh√∂hung der Habitatkonnektivit√§t vor dem Hintergund des Klimawandels eine besonders wichtige Anpassungsma√ünahe dar.

Poniatowski, D., Stuhldreher, G., L√∂ffler, F. & T. Fartmann (2018): Patch occupancy of grassland specialists: Habitat quality matters more than connectivity. Biological Conservation 225: 237–244. doi: doi.org/10.1016/j.biocon.2018.07.018

Forschung f√ľr die Biodiversit√§t in Steinbr√ľchen in Zeiten des globalen Wandels

Landnutzungswandel, Steinbruch, Biodiversität, Naturschutz
Kalksteinbruch mit hoher Habitatdiversität

[02. August 2018] Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) f√∂rdert ein Forschungsprojekt zur Biodiversit√§t und zum nachhaltigen Management von Steinbr√ľchen in Zeiten des globalen Wandels. In Kooperation mit zahlreichen Partnern aus der Naturschutzpraxis und Rohstoffindustrie werden in dem Vorhaben anhand verschiedener Indikatorgruppen Zusammenh√§nge zwischen der Artenvielfalt in Steinbr√ľchen und den diesbez√ľglich entscheidenden Umweltfaktoren analysiert. Da der Kenntnisstand zur Biodiversit√§t von Steinbr√ľchen immer noch gering ist, beabsichtigen wir anhand der gewonnenen Erkenntnisse Handlungsempfehlungen f√ľr eine biodiversit√§tsf√∂rdernde und nachhaltige Bewirtschaftung der Abbaufl√§chen zu erarbeiten. Die Relevanz des Projektes wird besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung von Steinbr√ľchen infolge der europaweit gestiegenen Nachfrage nach Baumaterialien deutlich. Gleichzeitig bergen die Abbaust√§tten sowohl w√§hrend des Gesteinsabbaus als auch nach Aufgabe der Nutzung ein herausragendes Potenzial f√ľr den Erhalt der Biodiversit√§t in der mitteleurop√§ischen Kulturlandschaft. Trotzdem ist es immer noch h√§ufige Praxis, Steinbr√ľche nach Einstellung der Abbaut√§tigkeiten zu verf√ľllen und aufzuforsten. In unseren Studien streben wir an, den Naturschutzwert der Gesteinsabbaust√§tten im Vergleich zur umgebenden Landschaftsmatrix anhand einer hinreichenden Datengrundlage empirisch zu belegen. Dar√ľber hinaus sollen Wissensdefizite zur Renaturierung und zum Habitatmanagement in Steinbr√ľchen behoben werden. Durch die breite bioz√∂notische Basis der Untersuchungen in einem der wichtigsten europ√§ischen Gesteinsabbaugebiete besitzt das Projekt √ľberregionalen Modellcharakter f√ľr den Biodiversit√§tsschutz in Steinbr√ľchen.

Neue Studie belegt hohen Naturschutzwert von Weihnachtsbaumkulturen

landnutzungswandel, Agrarlandschaft, Brutvögel, Heidelerche
Heidelerche (Lullula arborea)

[24. Juli, 2018] Traditionell haben Agrarlandschaften eine gro√üe Bedeutung f√ľr die Biodiversit√§t. Der Wandel von der traditionellen Landnutzung hin zu einer modernen, industrialisierten Landwirtschaft hat jedoch in Europa vielerorts zu einem dramatischen Artensterben gef√ľhrt. Gleichzeitig k√∂nnen anthropogene Landschaftsver√§nderungen aber auch die Entstehung neuartiger √Ėkosysteme beg√ľnstigen, die unter Umst√§nden durch das Vorkommen neuer, artenreicher Lebensgemeinschaften gekennzeichnet sein k√∂nnen. Weihnachtsbaumkulturen sind ein charakteristisches Beispiel derartiger Lebensr√§ume in Mitteleuropa. Seit Beginn des systematischen Weihnachtsbaumanbaus im Hochsauerland wurde die Anbaufl√§che dieser Kulturen kontinuierlich erweitert. Durch eine aktuelle Studie im Rahmen des Projektes „Biodiversit√§t von Weihnachtsbaumkulturen in Mitteleuropa“ (gef√∂rdert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt – DBU) konnte nun gezeigt werden dass Weihnachtsbaumkulturen einen regional bedeutenden R√ľckzugsraum f√ľr gef√§hrdete Brutvogelarten darstellen. Trotz der generell intensiven Bewirtschaftungsweise waren die Kulturen durch eine h√∂here Landschaftsdiversit√§t gekennzeichnet als andere dominierende Landschaftstypen im Untersuchungsgebiet. Dar√ľber hinaus wurden die Brutvorkommen gef√§hrdeter Arten sehr wahrscheinlich durch die hohe Nahrungsverf√ľgbarkeit und -zug√§nglichkeit in den Kulturen gef√∂rdert. Der hohe Offenbodenanteil in den Anbaufl√§chen beg√ľnstigt insbesondere Arten die am Boden nach Nahrung suchen, wie z.B. die Heidelerche, wohingegen die Vegetation in den urspr√ľnglichen Lebensr√§umen dieser Arten heute h√§ufig zu dicht und hochw√ľchsig ist. Nach aktuellen Sch√§tzungen beherbergen die Weihnachtsbaumkulturen sogar mehr als ein Drittel der nordrhein-westf√§lischen Heidelerchenpopulation. Die umfassenden Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Ecological Indicators publiziert:

Fartmann, T., Kämpfer, S., Brüggeshemke, J., Juchem, M., Klauer, F., Weking, S. & F. Löffler (2018): Landscape-scale effects of Christmas-tree plantations in an intensively used low-mountain landscape – Applying breeding bird assemblages as indicators. Ecological Indicators 94: 409–419. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.07.006

Gewinner und Verlierer РAktuelle Studie prognostiziert Arealveränderungen bei Tagfaltern

Klimawandel, Tagfalter, Satyrium spini, Arealveränderung
Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini)

[10. Juli 2018] Eine immer gr√∂√üere Anzahl an Wissenschaftlern geht davon aus, dass der Klimwandel die Biodiversit√§t zuk√ľnftig st√§rker beeinflussen k√∂nnte als direkte Lebensraumver√§nderungen. Es werden jedoch im Hinblick auf die erwarteten Klimaver√§nderungen artspezifisch sehr unterschiedliche Reaktionsmuster prognostiziert. Aufgrund ihrer spezialisierten Lebensweise gelten Tagfalter als eine der am besten geeigneten Indikatorgruppen zur Untersuchung der Klimawandeleffekte in terrestrischen √Ėkosystemen. Anhand einer detaillierten Analyse der mikroklimatischen Pr√§ferenzen von drei spezialisierten Tagfalterarten in Kalkmagerrasen des Diemeltals konnte nun die zuk√ľnftige Verbreitung dieser Spezies entlang eines H√∂hengradienten modelliert werden. Temperatur und Luftfeuchte unterschieden sich in den aktuell besiedelten Mikrohabitaten der Arten deutlich. W√§hrend der Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa) eine Pr√§ferenz f√ľr k√ľhl-feuchte Habitatbedingungen zeigte, bevorzugten der Ehrenpreis-Scheckenfalter (Melitaea aurelia) und der Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini) warme und trockene Mikrohabitate. Da die aktuelle Verbreitung der Modellorganismen im Untersuchungsgebiet vor allem durch klimatische Faktoren limitiert wird, kann davon ausgegangen werden dass eine weitere Klimaerw√§rmung auf dem Niveau der vergangenen Jahre mittelfristig zu deutlichen Arealver√§nderungen der Arten f√ľhren wird. Auf der Grundlage der Ergebnisse unserer Studie muss E. medusa als ein klarer Verlierer des Klimawandels eingestuft werden, wohingegen M. aurelia und S. spini ihr Verbreitungsgebiet voraussichtlich in h√∂here Lagen erweitern werden. Da f√ľr alle drei Arten eine hohe Naturschutzrelevanz besteht, sollten zukunftsf√§hige Schutzma√ünahmen etabliert werden, die es den Arten erm√∂glichen auf klimatische Ver√§nderungen zu reagieren.

Stuhldreher, G. & T. Fartmann (2018): Threatened grassland butterflies as indicators of microclimatic niches along an elevational gradient – Implications for conservation in times of climate change. Ecological Indicators 94: 83–98. doi: doi.org/10.1016/j.ecolind.2018.06.043

Auszeichnung f√ľr Projekt „Bergheide-√Ėkosysteme im Rothaargebirge“

Bergheide, Kulturlandschaft, UN Dekade, Biologische Vielfalt
Traditionelle Beweidung in den Bergheiden des Rothaargebirges

[26. Juni 2018] Bergheiden sind ein bedeutender Bestandteil der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges, jedoch wurde die Ausdehung der montanen Zwergstrauchheiden mit Aufgabe der traditionellen Heidebewirtschaftung stark zur√ľckgedr√§ngt. Die verbliebenen Fl√§chen sind von herausragender Bedeutung f√ľr den Erhalt der biologischen Vielfalt in Mitteleuropa. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern entwickeln wir L√∂sungen f√ľr bestehende Managementkonflikte und nachhaltige Konzepte f√ľr die Wiederherstellung ehemaliger Heidestandorte. Mit dem Projekt soll ein weiterer R√ľckgang der Bergheiden gestoppt, der Erhaltungszustand der verbliebenen Heidefl√§chen verbessert und der Erhalt montaner Zwergstrauchheiden dauerhaft gesichert werden. Durch die weitreichende Relevanz unserer Untersuchungen und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern wurde das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gef√∂rderte Vorhaben nun durch die hessische Umweltministerin Priska Hinz als „Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet. Dabei wurde besonders hervorgehoben, dass der Erhalt der Bergheiden einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt leistet. Mit der Renaturierung fr√ľherer Bergheidefl√§chen beabsichtigen wir weiterhin, den l√§nder√ľbergreifenden Biotopverbund zu f√∂rdern und somit den Fortbestand artenreicher Lebensgemeinschaften in der historischen Kulturlandschaft des Rothaargebirges zu sichern.

DO-G unterst√ľtzt Forschungsprojekt zu Aviz√∂nosen in montanen Grasland-√Ėkosystemen

Borstgrasrasen, Arnica montana, Hotzenwald
Montanes Weidfeld im S√ľdschwarzwald

[15. Juni 2018] Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) unterst√ľtzt ein Forschungsvorhaben unserer externen Masterstudierenden Friederike Kunz. Im Fokus der Untersuchungen stehen aktuelle Entwicklungen, die die Diversit√§t der Aviz√∂nosen des montanen Graslands zuk√ľnftig verst√§rkt negativ beeintr√§chtigen k√∂nnten. Aktuell sind viele Vogelarten des genutzten Offenlandes bereits von dramatischen Bestandsr√ľckg√§ngen betroffen. Vielfach werden diese Populationseinbr√ľche mit der in Nordwest- und Mitteleuropa nahezu fl√§chendeckenden, intensiven Landwirtschaft in Verbindung gebracht. Im S√ľdschwarzwald dagegen, sind extensiv bewirtschaftete Grasland-√Ėkosysteme noch weit verbreitet. In den tieferen Lagen dominiert gem√§htes Grasland, h√§ufig verzahnt mit Flachmooren. Kleinr√§umige Mosaike aus grasig-krautiger Vegetation, Zwergstr√§uchern, Wacholderb√ľschen und Geh√∂lzgruppen charakterisieren die Weidfelder der h√∂heren Lagen. Charakterv√∂gel dieser Landschaft sind gef√§hrdete Brutvogelarten wie Neunt√∂ter, Wiesen- und Baumpieper, Braunkehlchen und Goldammer. Jedoch ist auch das Grasland im Untersuchungsgebiet mit seinen artenreichen Bioz√∂nosen zunehmend durch Nutzungsintensivierung und den Ausbau der Tourismusinfrastruktur gef√§hrdet. In unserer Studie untersuchen wir, welche Faktoren das Vorkommen gef√§hrdeter Brutvogelarten von Grasland-√Ėkosystemen auf der Landschafts- und Habitatebene bestimmen. Basierend auf diesen Daten werden Konzepte f√ľr den effektiven Schutz der artenreichen Grasland-√Ėkosysteme im S√ľdschwarzwald erarbeitet.

Ausbreitung von Bromus erectus gefährdet auf lange Sicht die Biodiversität in Kalkmagerrasen

Kalkmagerrasen, Leontodon hispidus, Biodiversitätshotspot
Kalkmagerrasen mit Bl√ľhaspekt des Steifhaarigen L√∂wenzahns (Leontodon hispidus)

[22. Mai 2018] Eine aktuelle Studie in der internationalen Fachzeitschrift Insect Conservation and Diversity belegt, dass durch die Ausbreitung der Aufrechten Trespe (Bromus erectus) langfristig negative Auswirkungen auf die Biodiversit√§t von Kalkmagerrasen zu erwarten sind. W√§hrend die Art in S√ľddeutschland bereits seit Jahrhunderten zu den dominierenden S√ľ√ügr√§sern in Kalkmagerrasen z√§hlt, hat sie sich in Norddeutschland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgebreitet. Im Untersuchungsgebiet der Studie, dem Diemeltal, trat Bromus erectus selbst bis Ende der 1990er-Jahre nur vereinzelt auf. Mit dem Forstschreiten der globalen Klimaerw√§rmung hat sich die Art in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch auch hier massiv ausgebreitet und tritt nun in w√§rmebeg√ľnstigten Lagen verst√§rkt bestandsbildend auf. Bromus erectus kann sich unter zunehmender Trockenheit und steigenden Temperaturen hervorragend reproduzieren und im Vergleich zu konkurrenzschw√§cheren Pflanzenarten im Laufe einer Vegetationsperiode mehr Biomasse aufbauen. Dadurch wird die Ausbreitung der Art beg√ľnstigt. Diese Entwicklung hat im Diemeltal zu einer zunehmenden Homogenisierung der Vegetationsstruktur und einer signifikanten Abnahme der Pflanzenartenvielfalt in den von Bromus dominierten Kalkmagerrasenbest√§nden gef√ľhrt. Gleichzeitig konnte in Probefl√§chen mit lediglich sehr geringer Deckung der Art eine erh√∂hte Diversit√§t spezialisierter Zikadenarten nachgewiesen werden. Da zu erwarten ist dass sich Bromus erectus im Zuge des Klimawandels weiter ausbreiten wird, kann auf lange Sicht ohne gezieltes Management mit noch weitreichenderen Folgen f√ľr die Pflanzen- und Arthropodenvielfalt in Kalkmagerrasen gerechnet werden. Um den negativen Auswirkungen dieser Entwicklung entgegenzusteuern, sollten in den betroffenen Best√§nden angepasste Pflegema√ünahmen wie z.B. eine saisonale Intensivierung der Beweidung oder Brandmanagement erprobt werden.

Poniatowski, D., Hertenstein, F., Raude, N., Gottbeh√ľt, K., Nickel, H. & T. Fartmann (2018): The invasion of Bromus erectus alters species diversity of vascular plants and leafhoppers in calcareous grasslands. Insect Conservation and Diversity. doi: doi.org/10.1111/icad.12302s.de

Gro√üe Bedeutung von Allmendweiden f√ľr eine gef√§hrdete Singvogelart

Allmendweide, Traditionelle Landnutzung, Baumpieperhabitat
Allmendweide in der prä-alpinen Agrarlandschaft Oberbayerns

[07. Mai 2018] Agrarlandschaften spielen eine wichtige Rolle f√ľr den Erhalt der Biodiversit√§t in Europa. Jedoch lassen sich f√ľr viele agrartypische Arten weiterhin dramatische Bestandseinbr√ľche dokumentieren. Dies ist vor allem eine Folge des Landnutzungswandels, der in Mitteleuropa zu einer zunehmenden Homogenisierung der Landschaft gef√ľhrt hat. Dadurch wird beispielsweise das Angebot geeigneter Habitatstrukturen f√ľr Feldv√∂gel stark eingeschr√§nkt. Gleichzeitig f√ľhrt diese Entwicklung heute zu einer zunehmenden Limitierung des Nahrungsangebots. Der Baumpieper (Anthus trivialis) war fr√ľher eine sehr weit verbreitete Art europ√§ischer Agrarlandschaften. Seit den 1980er-Jahren lie√üen sich jedoch vielerorts dramatische Bestandseinbr√ľche verzeichnen. Die Brutbest√§nde haben in den letzten 30 Jahren bundesweit um mehr als 50 % abgenommen. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Journal of Ornithology konnte nun die herausragende Bedeutung von Allmendweide-√Ėkosystemen f√ľr den Baumpieper nachgewiesen werden. Im Vergleich zu der umgebenden Agrarlandschaft wiesen die besiedelten Reviere in den Allmenden eine h√∂here Landschaftsheterogenit√§t auf. Die geringe Landnutzungsintensit√§t in diesen traditionellen sozi-√∂kologischen Systemen gew√§hrleistet der Art die Verf√ľgbarkeit geeigneter Habitatstrukturen und eines ausreichenden Nahrungangebots. Da neben dem Baumpieper viele weitere naturschutzrelevante Arten von der traditionellen Allmendweidewirtschaft profitieren, sollte diese Landnutzungsform auch zuk√ľnftig dringend aufrechterhalten und intensiv gef√∂rdert werden.

Schwarz, C., Trautner, J. & T. Fartmann (2018): Common pastures are important refuges for a declining passerine bird in a pre-alpine agricultural landscape. Journal of Ornithology. doi: doi.org/10.1007/s10336-018-1561-0

Umweltministerium NRW fördert Literaturstudie zum Insektensterben

Wildbienen, Insektensterben, Bestäubungsökologie
Schmuckbiene (Epeoloides coecutiens)

[16. M√§rz 2018] Das Ministerium f√ľr Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) f√∂rdert eine Literaturstudie zur Untersuchung der Ursachen des Artensterbens und Biomasseverlustes bei Insekten. In Nordrhein-Westfalen werden aktuell 55 % der Schmetterlinge, 52 % der Wildbienen und Wespen, 48 % der Heuschrecken und 45 % der Libellen auf der Roten Liste der gef√§hrdeten Pflanzen, Pilze und Tiere des Landes NRW gef√ľhrt. Durch langj√§hrige Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld konnte empirisch belegt werden, dass die Fluginsekten-Biomasse in Nordrhein-Westfalen seit 1989 um bis zu 80 % abgenommen hat. Insekten nehmen eine Schl√ľsselfunktion in √Ėkosystemen ein. Einerseits leisten sie durch die Best√§ubung von Bl√ľtenpflanzen, darunter auch viele Nutzpflanzen, unverzichtbare √Ėkosystemdienstleistungen. Dar√ľber hinaus sind sie eine bedeutende Nahrungsquelle f√ľr viele Vogelarten. Das massive Insektensterben hat somit weitreichende Folgen f√ľr die Stabilit√§t der √Ėkosysteme Mitteleuropas. Vor diesem Hintergrund besteht dringender Handlungsbedarf, dem Verlust der Insekten entgegenzusteuern. Um gezielte Ma√ünahmen einleiten zu k√∂nnen, m√ľssen zuvor die bestehenden Wissensl√ľcken √ľber die Gr√ľnde des R√ľckgangs der Insekten geschlossen werden. Im Rahmen der nun gef√∂rderten Literaturstudie wird ein umfassender, √∂kosystem√ľbergreifender √úberblick √ľber die vielf√§ltigen Ursachen des Insektensterbens erarbeitet. Die Ergebnisse der Recherchen sollen den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Arten- und Biomasseverlust der Insekten verbessern und dienen als Diskussionsgrundlage f√ľr politische Entscheidungstr√§ger.

Klimawandel beg√ľnstigt Besiedlung von Steinbr√ľchen durch gef√§hrdete Heuschreckenart

Steinbruch,Sukzession,Naturschutz,gefährdte Arten
Steinbr√ľche – Hotspots der biologischen Vielfalt

[26. Januar 2018] Der rezente Klimawandel beg√ľnstigt die Ausbreitung w√§rmeliebender Heuschreckenarten in Mitteleuropa. Durch den Mangel geeigneter Lebensr√§ume in intensiv genutzten Landschaften konnten spezialisierte und gef√§hrdete Arten aber bisher kaum von dieser Entwicklung profitieren. Die Ergebnisse einer in der Fachzeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung publizierten Studie belegen jedoch, dass die aktuelle Besiedlung von Kalksteinbr√ľchen in der Westf√§lischen Bucht durch die w√§rmeliebende Blaufl√ľgelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folge des klimawandelbedingten Temperaturanstiegs ist. Die Ausbreitung der stark gef√§hrdeten Art f√§llt in eine Periode, die durch deutlich h√∂here Temperaturen im Vergleich zum langj√§hrigen Mittel gekennzeichnet ist. Diese Bedingungen f√∂rdern die Larvalentwicklung und Ausbreitungsf√§higkeit der Art. Im Gegensatz dazu gibt es aus den letzten Jahrzehnten keine Hinweise f√ľr eine Zunahme geeigneter Habitate in der Westf√§lischen Bucht. Schl√ľsselfaktoren f√ľr die Besiedlung der untersuchten Steinbr√ľche waren erstens eine ausreichende Fl√§che an Pioniervegetation und zweitens eine geringe Entfernung zu den s√ľdwestlich gelegenen Quellpopulationen im Ruhrgebiet. Steinbr√ľche stellen in der heute intensiv genutzten Landschaft Mitteleuropas wichtige Lebensr√§ume f√ľr den Schutz der Biodiversit√§t dar. Aufgrund der sehr geringen Sukzessionsgeschwindigkeit sind Steinbr√ľche auch nach Einstellung des Gesteinsabbaus oft f√ľr Jahrzehnte durch das Vorkommen fr√ľher Sukzessionsstadien mit ihren typischen Artengemeinschaften gekennzeichnet und sollten deshalb verst√§rkt im Fokus des Naturschutzes stehen.

Kettermann, M. & T. Fartmann (2018): Auswirkungen des globalen Wandels auf Heuschrecken – Besiedlung von Steinbr√ľchen der Westf√§lischen Bucht (NW-Deutschland) durch die Blaufl√ľgelige Sandschrecke. Naturschutz und Landschaftsplanung 50 (1): 23–29.

Regenr√ľckhaltebecken f√∂rdern Libellendiversit√§t im urbanen Raum

Libellen, Odonata, Ischnura pumilio, Biodiversität
Kleine Pechlibelle (Ischnura pumilio)

[12. Januar 2018] Die weltweit starke Zunahme urbanisierter Fl√§chen ist eine ernstzunehmende Gef√§hrdungsursache f√ľr die biologische Vielfalt. Umso bedeutender ist es, den negativen Folgen der Urbanisierung entgegenzuwirken. Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung im Rahmen des Promotionsvorhabens von unserer Doktorandin Lisa Holtmann belegen in diesem Zusammenhang, dass Regenr√ľckhaltebecken positive Auswirkungen auf die Biodiversit√§t im urbanen Raum haben k√∂nnen. Bei den untersuchten Gew√§ssern handelt es sich um neuartige √Ėkosysteme, die zum Hochwasserschutz im suburbanen Raum angelegt wurden, wohingegen die zum Vergleich herangezogenen Kontrollgew√§sser meist in der umgebenden Agrarlandschaft lagen. An Regenr√ľckhaltebecken konnten im Vergleich zu den Kontrollgew√§ssern im Mittel h√∂here Artenzahlen und h√∂here Libellenabundanzen nachgewiesen werden. Dabei waren insbesondere gef√§hrdete Arten verst√§rkt an den Regenr√ľckhaltebecken anzutreffen. Durch das regelm√§√üige Management der Regenr√ľckhaltebecken wiesen diese in der Regel eine gute Habitatqualit√§t auf, wohingegen die Kontrollgew√§sser beispielsweise durch ein ung√ľnstigeres Mikroklima und eine h√∂here Phosphatkonzentration gekennzeichnet waren. Aufgrund dieser Tatsache spielen Regenr√ľckhaltebecken trotz der geringen landschaftlichen Qualit√§t in der Umgebung eine wichtige Rolle als Libellenlebensraum. Folglich kann den untersuchten Regenr√ľckhaltebecken eine gro√üe Bedeutung f√ľr den Artenschutz in St√§dten beigemessen werden. Die Studie wurde im Rahmen des Promotionsstipendienprogramms der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gef√∂rdert und wurde nun erfolgreich in der internationalen Fachzeitschrift Ecological Engineering publiziert:

Holtmann, L., Juchem, M., Br√ľggeshemke, J., M√∂hlmeyer, A. & T. Fartmann (2018): Stormwater ponds promote dragonfly (Odonata) species richness and density in urban areas. Ecological Engineering. 118: 1–11. doi: doi.org/10.1016/j.ecoleng.2017.12.028

Projekt im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt bewilligt

Heuschrecken, Orthoptera, Arcyptera fusca, Biodiversität
Große Höckerschrecke (Arcyptera fusca)

[20. Dezember 2017] Als Projekttr√§ger des Bundesprogramms Biologische Vielfalt f√∂rdert das Deutsche Zentrum f√ľr Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Mitteln des Bundesamtes f√ľr Naturschutz (BfN) den Aufbau eines Onlineportals f√ľr Heuschrecken. Dieses Teilvorhaben im Rahmen des Projektes „Werkzeuge zur Erfassung biologischer Beobachtungsdaten in Deutschland (WerBeo) “ wird von uns in Kooperation mit der Universit√§t Rostock umgesetzt. Der Aufbau des Onlineportals f√ľr Heuschrecken hat zum Ziel, deutschlandweite Beobachtungsdaten einer weiteren naturschutzrelevanten Artengruppe der wissenschaftlichen √Ėffentlichkeit verf√ľgbar zu machen. Dabei wird ein zentrales, innovatives Informationssystem entwickelt, welches den Nutzern erm√∂glicht biologische Beobachtungsdaten online einzugeben und einzusehen. Derartige Beobachtungsdaten stellen unverzichtbare Informationen dar, anhand derer die Entwicklung der Biodiversit√§t auf regionaler und nationaler Ebene wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet werden kann. Derzeit sind beispielsweise √ľber 40 % der in Deutschland nachgewiesenen Heuschreckenarten durch anthropgen bedingte Ver√§nderungen in der Landnutzung gef√§hrdet. Gleichzeitig konnten in Deutschland im Zuge des Klimawandels in der j√ľngeren Vergangenheit jedoch teils massive Ausbreitungen w√§rmeliebender Heuschreckenarten nachgewiesen werden. Beobachtungsdaten, die diese Entwicklungen belegen, wurden bisher aber h√§ufig dezentral erfasst. Die aufgezeigten √∂kologischen Ver√§nderungen verdeutlichen die Relevanz einer zentralen Datenplattform f√ľr Heuschrecken mit dem Ziel einer verbesserten Dokumentation von Biodiversit√§tsdaten in Deutschland.

Weihnachtsbaumkulturen im Sauerland haben gro√üe Bedeutung f√ľr Rote-Liste-Arten

Rote-Liste-Arten, Goldammer, Weihnachtsbaumkulturen
Goldammer (Emberiza citrinella)

[04. Dezember 2017] Der systematische Anbau von Weihnachtsb√§umen in Mitteleuropa ist ein recht junges Ph√§nomen. Aktuell betr√§gt die Anbaufl√§che von Weihnachtsb√§umen im Sauerland, dem wichtigsten europ√§ischen Anbaugebiet, etwa 18.000 ha. Im Rahmen einer aktuellen Studie haben wir umfassend untersucht, wie es um die Avifauna dieses neuartigen √Ėkosystems steht. Die Ergebnisse belegen deutlich, dass Weihnachtsbaumkulturen in der intensiv genutzten Landschaft des Sauerlandes einen hohen Wert als Lebensraum f√ľr gef√§hrdete Brutvogelarten haben. Im Vergleich zu konkurrierenden Landnutzungstypen, wiesen Weihnachtsbaumkulturen gemeinsam mit Windwurffl√§chen die gr√∂√üte Diversit√§t und die h√∂chsten Dichten gef√§hrdeter Brutvogelarten Nordrhein-Westfalens auf. So konnten f√ľr die Rote-Liste-Arten Goldammer, Fitis, Bluth√§nfling, Heidelerche und Baumpieper mitunter hohe Dichten in den Weihnachtsbaumkulturen nachgewiesen werden. Im Fall der Heidelerche sind die Vorkommen in Weihnachtsbaumkulturen sogar von landesweiter Bedeutung. Ein Beitrag im aktuellen Heft des Journals f√ľr Vogelbeobachter – Der Falke liefert eine anschauliche Zusammenfassung der Ergebnisse unserer Untersuchungen. Die Studie wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gef√∂rdert.

Fartmann, T., K√§mpfer, S. & F. L√∂ffler (2017): Wichtige Bruthabitate f√ľr Rote-Liste-Arten: Weihnachtsbaumkulturen im Hochsauerland. Der Falke 64 (12): 20–23.

Veränderung der Wirtspflanzenqualität fördert zwei häufige Tagfalterarten Mitteleuropas

newspic
Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

[06. November 2017] Ein aktuell publizierter Artikel in der internationalen Fachzeitschrift Acta Oecologica belegt, dass Schmetterlingsarten die sich von Brennnesselgew√§chsen ern√§hren, von der exzessiven Stickstoffanreicherung in landwirtschaftlich intensiv genutzten Landschaften profitieren k√∂nnen. Der Kleine Fuchs (Aglais urticae) und das Tagpfauenauge (Aglais io) z√§hlen zu den wenigen Schmetterlingsarten, die trotz der massiven √∂kologischen Ver√§nderungen im Zuge des Landnutzungswandels in Mitteleuropa weiterhin sehr h√§ufig sind. In der experimentellen Studie, die in Kooperation mit der Universit√§t Potsdam federf√ľhrend von unserer externen Masterstudierenden Susanne Kurze durchgef√ľhrt wurde, konnte gezeigt werden, dass Individuen beider Arten an ged√ľngten Wirtspflanzen durch h√∂here √úberlebensraten, eine schnellere Larvalentwicklung, sowie ein h√∂heres Gewicht der Puppen gekennzeichnet waren. Die Imagines von Aglais io wiesen zudem l√§ngere Vorderfl√ľgel auf. Die Auswirkungen der D√ľngung erh√∂hen somit die √úberlebenswahrscheinlichkeit und das Reproduktionspotenzial beider Schmetterlingsarten. Unsere Ergebnisse legen dar, dass sich nicht nur die Ausbreitung von Brennnesseln durch die zunehmende Eutrophierung, sondern auch Ver√§nderungen in der Wirtspflanzenqualit√§t positiv auf die mitteleurop√§ischen Best√§nde der beiden Tagfalterarten auswirken k√∂nnen.

Kurze, S., Heinken, T. & T. Fartmann (2017): Nitrogen enrichment of host plants has mostly beneficial effects on the life-history traits of nettle-feeding butterflies. Acta Oecologica 85: 157–164. doi: doi.org/10.1016/j.actao.2017.11.005