Thomas Fartmann | Biodiversität und Landschaftsökologie

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Aktuelles

Ausbreitung von Bromus erectus gefÀhrdet auf lange Sicht die BiodiversitÀt in Kalkmagerrasen

Kalkmagerrasen, Leontodon hispidus, BiodiversitÀtshotspot
Kalkmagerrasen mit BlĂŒhaspekt des Steifhaarigen Löwenzahns (Leontodon hispidus)

[22. Mai 2018] Eine aktuelle Studie in der internationalen Fachzeitschrift Insect Conservation and Diversity belegt, dass durch die Ausbreitung der Aufrechten Trespe (Bromus erectus) langfristig negative Auswirkungen auf die BiodiversitĂ€t von Kalkmagerrasen zu erwarten sind. WĂ€hrend die Art in SĂŒddeutschland bereits seit Jahrhunderten zu den dominierenden SĂŒĂŸgrĂ€sern in Kalkmagerrasen zĂ€hlt, hat sie sich in Norddeutschland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgebreitet. Im Untersuchungsgebiet der Studie, dem Diemeltal, trat die Bromus erectus selbst bis Ende der 1990er-Jahre nur vereinzelt auf. Mit dem Forstschreiten der globalen KlimaerwĂ€rmung hat sich die Art in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch auch hier massiv ausgebreitet und tritt nun in wĂ€rmebegĂŒnstigten Lagen verstĂ€rkt bestandsbildend auf. Bromus erectus kann sich unter zunehmender Trockenheit und steigenden Temperaturen hervorragend reproduzieren und im Vergleich zu konkurrenzschwĂ€cheren Pflanzenarten im Laufe einer Vegetationsperiode mehr Biomasse aufbauen. Dadurch wird die Ausbreitung der Art begĂŒnstigt. Diese Entwicklung hat im Diemeltal zu einer zunehmenden Homogenisierung der Vegetationsstruktur und einer signifikanten Abnahme der Pflanzenartenvielfalt in den von Bromus dominierten KalkmagerrasenbestĂ€nden gefĂŒhrt. Gleichzeitig konnte in ProbeflĂ€chen mit lediglich sehr geringer Deckung der Art eine erhöhte DiversitĂ€t spezialisierter Zikadenarten nachgewiesen werden. Da zu erwarten ist dass sich Bromus erectus im Zuge des Klimawandels weiter ausbreiten wird, kann auf lange Sicht ohne gezieltes Management mit noch weitreichenderen Folgen fĂŒr die Pflanzen- und Arthropodenvielfalt in Kalkmagerrasen gerechnet werden. Um den negativen Auswirkungen dieser Entwicklung entgegenzusteuern, sollten in den betroffenen BestĂ€nden angepasste Pflegemaßnahmen wie z.B. eine saisonale Intensivierung der Beweidung oder Brandmanagement erprobt werden.

Poniatowski, D., Hertenstein, F., Raude, N., GottbehĂŒt, K., Nickel, H. & T. Fartmann (2018): The invasion of Bromus erectus alters species diversity of vascular plants and leafhoppers in calcareous grasslands. Insect Conservation and Diversity.

Große Bedeutung von Allmendweiden fĂŒr eine gefĂ€hrdete Singvogelart

Allmendweide, Traditionelle Landnutzung, Baumpieperhabitat
Allmendweide in der prÀ-alpinen Agrarlandschaft Oberbayerns

[07. Mai 2018] Agrarlandschaften spielen eine wichtige Rolle fĂŒr den Erhalt der BiodiversitĂ€t in Europa. Jedoch lassen sich fĂŒr viele agrartypische Arten weiterhin dramatische BestandseinbrĂŒche dokumentieren. Dies ist vor allem eine Folge des Landnutzungswandels, der in Mitteleuropa zu einer zunehmenden Homogenisierung der Landschaft gefĂŒhrt hat. Dadurch wird beispielsweise das Angebot geeigneter Habitatstrukturen fĂŒr Feldvögel stark eingeschrĂ€nkt. Gleichzeitig fĂŒhrt diese Entwicklung heute zu einer zunehmenden Limitierung des Nahrungsangebots. Der Baumpieper (Anthus trivialis) war frĂŒher eine sehr weit verbreitete Art europĂ€ischer Agrarlandschaften. Seit den 1980er-Jahren ließen sich jedoch vielerorts dramatische BestandseinbrĂŒche verzeichnen. Die BrutbestĂ€nde haben in den letzten 30 Jahren bundesweit um mehr als 50 % abgenommen. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Journal of Ornithology konnte nun die herausragende Bedeutung von Allmendweide-Ökosystemen fĂŒr den Baumpieper nachgewiesen werden. Im Vergleich zu der umgebenden Agrarlandschaft wiesen die besiedelten Reviere in den Allmenden eine höhere LandschaftsheterogenitĂ€t auf. Die geringe LandnutzungsintensitĂ€t in diesen traditionellen sozi-ökologischen Systemen gewĂ€hrleistet der Art die VerfĂŒgbarkeit geeigneter Habitatstrukturen und eines ausreichenden Nahrungangebots. Da neben dem Baumpieper viele weitere naturschutzrelevante Arten von der traditionellen Allmendweidewirtschaft profitieren, sollte diese Landnutzungsform auch zukĂŒnftig dringend aufrechterhalten und intensiv gefördert werden.

Schwarz, C., Trautner, J. & T. Fartmann (2018): Common pastures are important refuges for a declining passerine bird in a pre-alpine agricultural landscape. Journal of Ornithology.

Umweltministerium NRW fördert Literaturstudie zum Insektensterben

Wildbienen, Insektensterben, BestÀubungsökologie
Schmuckbiene (Epeoloides coecutiens)

[16. MĂ€rz 2018] Das Ministerium fĂŒr Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) fördert eine Literaturstudie zur Untersuchung der Ursachen des Artensterbens und Biomasseverlustes bei Insekten. In Nordrhein-Westfalen werden aktuell 55 % der Schmetterlinge, 52 % der Wildbienen und Wespen, 48 % der Heuschrecken und 45 % der Libellen auf der Roten Liste der gefĂ€hrdeten Pflanzen, Pilze und Tiere des Landes NRW gefĂŒhrt. Durch langjĂ€hrige Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld konnte empirisch belegt werden, dass die Fluginsekten-Biomasse in Nordrhein-Westfalen seit 1989 um bis zu 80 % abgenommen hat. Insekten nehmen eine SchlĂŒsselfunktion in Ökosystemen ein. Einerseits leisten sie durch die BestĂ€ubung von BlĂŒtenpflanzen, darunter auch viele Nutzpflanzen, unverzichtbare Ökosystemdienstleistungen. DarĂŒber hinaus sind sie eine bedeutende Nahrungsquelle fĂŒr viele Vogelarten. Das massive Insektensterben hat somit weitreichende Folgen fĂŒr die StabilitĂ€t der Ökosysteme Mitteleuropas. Vor diesem Hintergrund besteht dringender Handlungsbedarf, dem Verlust der Insekten entgegenzusteuern. Um gezielte Maßnahmen einleiten zu können, mĂŒssen zuvor die bestehenden WissenslĂŒcken ĂŒber die GrĂŒnde des RĂŒckgangs der Insekten geschlossen werden. Im Rahmen der nun geförderten Literaturstudie wird ein umfassender, ökosystemĂŒbergreifender Überblick ĂŒber die vielfĂ€ltigen Ursachen des Insektensterbens erarbeitet. Die Ergebnisse der Recherchen sollen den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Arten- und Biomasseverlust der Insekten verbessern und dienen als Diskussionsgrundlage fĂŒr politische EntscheidungstrĂ€ger.

Klimawandel begĂŒnstigt Besiedlung von SteinbrĂŒchen durch gefĂ€hrdete Heuschreckenart

Steinbruch,Sukzession,Naturschutz,gefÀhrdte Arten
SteinbrĂŒche – Hotspots der biologischen Vielfalt

[26. Januar 2018] Der rezente Klimawandel begĂŒnstigt die Ausbreitung wĂ€rmeliebender Heuschreckenarten in Mitteleuropa. Durch den Mangel geeigneter LebensrĂ€ume in intensiv genutzten Landschaften konnten spezialisierte und gefĂ€hrdete Arten aber bisher kaum von dieser Entwicklung profitieren. Die Ergebnisse einer in der Fachzeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung publizierten Studie belegen jedoch, dass die aktuelle Besiedlung von KalksteinbrĂŒchen in der WestfĂ€lischen Bucht durch die wĂ€rmeliebende BlauflĂŒgelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folge des klimawandelbedingten Temperaturanstiegs ist. Die Ausbreitung der stark gefĂ€hrdeten Art fĂ€llt in eine Periode, die durch deutlich höhere Temperaturen im Vergleich zum langjĂ€hrigen Mittel gekennzeichnet ist. Diese Bedingungen fördern die Larvalentwicklung und AusbreitungsfĂ€higkeit der Art. Im Gegensatz dazu gibt es aus den letzten Jahrzehnten keine Hinweise fĂŒr eine Zunahme geeigneter Habitate in der WestfĂ€lischen Bucht. SchlĂŒsselfaktoren fĂŒr die Besiedlung der untersuchten SteinbrĂŒche waren erstens eine ausreichende FlĂ€che an Pioniervegetation und zweitens eine geringe Entfernung zu den sĂŒdwestlich gelegenen Quellpopulationen im Ruhrgebiet. SteinbrĂŒche stellen in der heute intensiv genutzten Landschaft Mitteleuropas wichtige LebensrĂ€ume fĂŒr den Schutz der BiodiversitĂ€t dar. Aufgrund der sehr geringen Sukzessionsgeschwindigkeit sind SteinbrĂŒche auch nach Einstellung des Gesteinsabbaus oft fĂŒr Jahrzehnte durch das Vorkommen frĂŒher Sukzessionsstadien mit ihren typischen Artengemeinschaften gekennzeichnet und sollten deshalb verstĂ€rkt im Fokus des Naturschutzes stehen.

Kettermann, M. & T. Fartmann (2018): Auswirkungen des globalen Wandels auf Heuschrecken – Besiedlung von SteinbrĂŒchen der WestfĂ€lischen Bucht (NW-Deutschland) durch die BlauflĂŒgelige Sandschrecke. Naturschutz und Landschaftsplanung 50 (1): 23–29.

RegenrĂŒckhaltebecken fördern LibellendiversitĂ€t im urbanen Raum

Libellen, Odonata, Ischnura pumilio, BiodiversitÀt
Kleine Pechlibelle (Ischnura pumilio)

[12. Januar 2018] Die weltweit starke Zunahme urbanisierter FlĂ€chen ist eine ernstzunehmende GefĂ€hrdungsursache fĂŒr die biologische Vielfalt. Umso bedeutender ist es, den negativen Folgen der Urbanisierung entgegenzuwirken. Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung im Rahmen des Promotionsvorhabens von unserer Doktorandin Lisa Holtmann belegen in diesem Zusammenhang, dass RegenrĂŒckhaltebecken positive Auswirkungen auf die BiodiversitĂ€t im urbanen Raum haben können. Bei den untersuchten GewĂ€ssern handelt es sich um neuartige Ökosysteme, die zum Hochwasserschutz im suburbanen Raum angelegt wurden, wohingegen die zum Vergleich herangezogenen KontrollgewĂ€sser meist in der umgebenden Agrarlandschaft lagen. An RegenrĂŒckhaltebecken konnten im Vergleich zu den KontrollgewĂ€ssern im Mittel höhere Artenzahlen und höhere Libellenabundanzen nachgewiesen werden. Dabei waren insbesondere gefĂ€hrdete Arten verstĂ€rkt an den RegenrĂŒckhaltebecken anzutreffen. Durch das regelmĂ€ĂŸige Management der RegenrĂŒckhaltebecken wiesen diese in der Regel eine gute HabitatqualitĂ€t auf, wohingegen die KontrollgewĂ€sser beispielsweise durch ein ungĂŒnstigeres Mikroklima und eine höhere Phosphatkonzentration gekennzeichnet waren. Aufgrund dieser Tatsache spielen RegenrĂŒckhaltebecken trotz der geringen landschaftlichen QualitĂ€t in der Umgebung eine wichtige Rolle als Libellenlebensraum. Folglich kann den untersuchten RegenrĂŒckhaltebecken eine große Bedeutung fĂŒr den Artenschutz in StĂ€dten beigemessen werden. Die Studie wurde im Rahmen des Promotionsstipendienprogramms der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert und wurde nun erfolgreich in der internationalen Fachzeitschrift Ecological Engineering publiziert:

Holtmann, L., Juchem, M., BrĂŒggeshemke, J., Möhlmeyer, A. & T. Fartmann (2018): Stormwater ponds promote dragonfly (Odonata) species richness and density in urban areas. Ecological Engineering. 118: 1–11. doi: doi.org/10.1016/j.ecoleng.2017.12.028

Projekt im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt bewilligt

Heuschrecken, Orthoptera, Arcyptera fusca, BiodiversitÀt
Große Höckerschrecke (Arcyptera fusca)

[20. Dezember 2017] Als ProjekttrĂ€ger des Bundesprogramms Biologische Vielfalt fördert das Deutsche Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Mitteln des Bundesamtes fĂŒr Naturschutz (BfN) den Aufbau eines Onlineportals fĂŒr Heuschrecken. Dieses Teilvorhaben im Rahmen des Projektes „Werkzeuge zur Erfassung biologischer Beobachtungsdaten in Deutschland (WerBeo) “ wird von uns in Kooperation mit der UniversitĂ€t Rostock umgesetzt. Der Aufbau des Onlineportals fĂŒr Heuschrecken hat zum Ziel, deutschlandweite Beobachtungsdaten einer weiteren naturschutzrelevanten Artengruppe der wissenschaftlichen Öffentlichkeit verfĂŒgbar zu machen. Dabei wird ein zentrales, innovatives Informationssystem entwickelt, welches den Nutzern ermöglicht biologische Beobachtungsdaten online einzugeben und einzusehen. Derartige Beobachtungsdaten stellen unverzichtbare Informationen dar, anhand derer die Entwicklung der BiodiversitĂ€t auf regionaler und nationaler Ebene wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet werden kann. Derzeit sind beispielsweise ĂŒber 40 % der in Deutschland nachgewiesenen Heuschreckenarten durch anthropgen bedingte VerĂ€nderungen in der Landnutzung gefĂ€hrdet. Gleichzeitig konnten in Deutschland im Zuge des Klimawandels in der jĂŒngeren Vergangenheit jedoch teils massive Ausbreitungen wĂ€rmeliebender Heuschreckenarten nachgewiesen werden. Beobachtungsdaten, die diese Entwicklungen belegen, wurden bisher aber hĂ€ufig dezentral erfasst. Die aufgezeigten ökologischen VerĂ€nderungen verdeutlichen die Relevanz einer zentralen Datenplattform fĂŒr Heuschrecken mit dem Ziel einer verbesserten Dokumentation von BiodiversitĂ€tsdaten in Deutschland.

Weihnachtsbaumkulturen im Sauerland haben große Bedeutung fĂŒr Rote-Liste-Arten

Rote-Liste-Arten, Goldammer, Weihnachtsbaumkulturen
Goldammer (Emberiza citrinella)

[04. Dezember 2017] Der systematische Anbau von WeihnachtsbĂ€umen in Mitteleuropa ist ein recht junges PhĂ€nomen. Aktuell betrĂ€gt die AnbauflĂ€che von WeihnachtsbĂ€umen im Sauerland, dem wichtigsten europĂ€ischen Anbaugebiet, etwa 18.000 ha. Im Rahmen einer aktuellen Studie haben wir umfassend untersucht, wie es um die Avifauna dieses neuartigen Ökosystems steht. Die Ergebnisse belegen deutlich, dass Weihnachtsbaumkulturen in der intensiv genutzten Landschaft des Sauerlandes einen hohen Wert als Lebensraum fĂŒr gefĂ€hrdete Brutvogelarten haben. Im Vergleich zu konkurrierenden Landnutzungstypen, wiesen Weihnachtsbaumkulturen gemeinsam mit WindwurfflĂ€chen die grĂ¶ĂŸte DiversitĂ€t und die höchsten Dichten gefĂ€hrdeter Brutvogelarten Nordrhein-Westfalens auf. So konnten fĂŒr die Rote-Liste-Arten Goldammer, Fitis, BluthĂ€nfling, Heidelerche und Baumpieper mitunter hohe Dichten in den Weihnachtsbaumkulturen nachgewiesen werden. Im Fall der Heidelerche sind die Vorkommen in Weihnachtsbaumkulturen sogar von landesweiter Bedeutung. Ein Beitrag im aktuellen Heft des Journals fĂŒr Vogelbeobachter – Der Falke liefert eine anschauliche Zusammenfassung der Ergebnisse unserer Untersuchungen. Die Studie wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert.

Fartmann, T., KĂ€mpfer, S. & F. Löffler (2017): Wichtige Bruthabitate fĂŒr Rote-Liste-Arten: Weihnachtsbaumkulturen im Hochsauerland. Der Falke 64 (12): 20–23.

VerÀnderung der WirtspflanzenqualitÀt fördert zwei hÀufige Tagfalterarten Mitteleuropas

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Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

[06. November 2017] Ein aktuell publizierter Artikel in der internationalen Fachzeitschrift Acta Oecologica belegt, dass Schmetterlingsarten die sich von BrennnesselgewĂ€chsen ernĂ€hren, von der exzessiven Stickstoffanreicherung in landwirtschaftlich intensiv genutzten Landschaften profitieren können. Der Kleine Fuchs (Aglais urticae) und das Tagpfauenauge (Aglais io) zĂ€hlen zu den wenigen Schmetterlingsarten, die trotz der massiven ökologischen VerĂ€nderungen im Zuge des Landnutzungswandels in Mitteleuropa weiterhin sehr hĂ€ufig sind. In der experimentellen Studie, die in Kooperation mit der UniversitĂ€t Potsdam federfĂŒhrend von unserer externen Masterstudierenden Susanne Kurze durchgefĂŒhrt wurde, konnte gezeigt werden, dass Individuen beider Arten an gedĂŒngten Wirtspflanzen durch höhere Überlebensraten, eine schnellere Larvalentwicklung, sowie ein höheres Gewicht der Puppen gekennzeichnet waren. Die Imagines von Aglais io wiesen zudem lĂ€ngere VorderflĂŒgel auf. Die Auswirkungen der DĂŒngung erhöhen somit die Überlebenswahrscheinlichkeit und das Reproduktionspotenzial beider Schmetterlingsarten. Unsere Ergebnisse legen dar, dass sich nicht nur die Ausbreitung von Brennnesseln durch die zunehmende Eutrophierung, sondern auch VerĂ€nderungen in der WirtspflanzenqualitĂ€t positiv auf die mitteleuropĂ€ischen BestĂ€nde der beiden Tagfalterarten auswirken können.

Kurze, S., Heinken, T. & T. Fartmann (2017): Nitrogen enrichment of host plants has mostly beneficial effects on the life-history traits of nettle-feeding butterflies. Acta Oecologica 85: 157–164. doi: doi.org/10.1016/j.actao.2017.11.005

Positives Fazit nach Besuch der Jahresversammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G)

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Alte Eichenallee in der extensiv genutzten Agrarlandschaft der Prignitz

[06. Oktober 2017] Franz Löffler wurde auf der 150. Jahresversammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) fĂŒr seinen Tagungsbeitrag „Auswirkungen der Landschafts- und Vegetationsstruktur auf eine stark gefĂ€hrdete Vogelart der Agrarlandschaft“ mit dem 3. Preis im Jungreferenten-Wettbewerb ausgezeichnet. Die diesjĂ€hrige JubilĂ€umstagung fand unter dem Motto „Ornithologie – von der Vergangenheit in die Zukunft“ in Halle (Saale) statt. Viele TagungsbeitrĂ€ge beschĂ€ftigten sich mit den Auswirkungen des Landnutzungswandels und des Ausbaus regenerativer Energiequellen auf die mitteleuropĂ€ische Avifauna. Dabei zeigen die dramatischen BestandseinbrĂŒche der Feldvögel in Mitteleuropa exemplarisch auf, welche Folgen die fortwĂ€hrende Intensivierung der Landwirtschaft fĂŒr die BiodiversitĂ€t in Agrarlandschaften hat. Mit dem Beitrag zu den HabitatprĂ€ferenzen des Ortolans (Emberiza hortulana) konnte die zwingende Notwendigkeit agrarpolitischer Maßnahmen fĂŒr eine naturschutzgerechte, zukunftsfĂ€hige und sozial-gerechte Landwirtschaft noch einmal unterstrichen werden. Gleichzeitig konnte Steffen KĂ€mpfer mit seinem Tagungsbeitrag zur Bedeutung von „Weihnachtsbaumkulturen als Ersatzlebensraum fĂŒr bedrohte Vogelarten der Agrarlandschaft“ in bemerkenswerter Weise verdeutlichen, dass auch intensiv genutzte, neuartige Ökosysteme wie Weihnachtsbaumkulturen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der BiodiversitĂ€t leisten können. Aufgrund des geringen ökologischen Kenntnisstandes der Avizönosen dieses Lebensraums und der aus Sicht des Vogelschutzes ĂŒberraschend positiven Ergebnisse wurden wir im Anschluss an seinen Tagungsbeitrag dazu eingeladen unsere Forschungsergebnisse in einem Beitrag im Journal fĂŒr Vogelbeobachter – Der Falke einer breiten Öffentlichkeit zugĂ€nglich zu machen.

HabitatqualitĂ€t, FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe und KonnektivitĂ€t – Grundlagen fĂŒr einen erfolgreichen Artenschutz

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KurzflĂŒgelige Beißschrecke (Metrioptera brachyptera)

[04. September 2017] Ein aktuell erschienener Artikel in der Fachzeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung liefert einen umfassenden Überblick, welche Faktoren fĂŒr einen erfolgreichen Artenschutz berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen. Der Landnutzungswandel ist verantwortlich fĂŒr Degradierung, Verlust und Fragmentierung vieler Habitate Mitteleuropas mit negativen Auswirkungen auf die BiodiversitĂ€t. Anhand verschiedener Beispiele verdeutlicht der Artikel, dass sowohl die HabitatqualitĂ€t als auch FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe und KonnektivitĂ€t darĂŒber entscheiden, ob die Artenvielfalt langfristig erhalten werden kann. Zudem steht der Klimawandel zunehmend im Fokus des Naturschutzes. Beispielsweise werden fĂŒr die KurzflĂŒgelige Beißschrecke (Metrioptera brachyptera) und den SchlĂŒsselblumen-WĂŒrfelfalter (Hamearis lucina) infolge des erhöhten Austrocknungsrisikos in Kalkmagerrasen starke BestandseinbrĂŒche prognostiziert. Auch wenn Metrioptera brachyptera ĂŒber lĂ€ngere Zeit in stark isolierten Habitaten ĂŒberdauern kann, ist zukĂŒnftig mit einem weiteren RĂŒckgang der Art zu rechnen, da die Larvalentwicklung der Art an eine ausreichende Feuchtigkeit in ihren Habitaten geknĂŒpft ist. Aufgrund des hohen Vertrocknungsrisikos der Wirtspflanze Primula veris im FrĂŒhjahr, sind auch die Vorkommen von Hamearis lucina in den Kalkmagerrasen einiger Regionen Mitteleuropas zunehmend bedroht. Auch wenn die Art bedingt in der Lage ist durch Risikostreuung bei der Eiablage auf diese Gefahr zu reagieren, wird eine Anpassung an die zukĂŒnftigen Klimabedingungen durch die geringe MobilitĂ€t der Art und fehlende Ausweichhabitate stark eingeschrĂ€nkt. Folglich sollte der Naturschutz in Zeiten des globalen Wandels in seinen BemĂŒhungen zum Arten- und Biotopschutz auf eine Erhöhung der HabitatqualitĂ€t und -heterogenitĂ€t innerhalb der Habitate, eine VergrĂ¶ĂŸerung der FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe und eine Verbesserung der KonnektivitĂ€t abzielen.

Fartmann, T. (2017): Überleben in fragmentierten Landschaften – Grundlagen fĂŒr den Schutz der BiodiversitĂ€t Mitteleuropas in Zeiten des globalen Wandels. Naturschutz und Landschaftsplanung 49 (9): 277–282.

Heuschrecken profitieren von traditioneller Landnutzung in Buckelwiesen

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Buckelwiese in den Bayerischen Kalkalpen

[16. August 2017] Die traditionelle Landnutzung hat in Mitteleuropa erheblich zur Entstehung artenreicher Ökosysteme beigetragen. Die Buckelwiesen im bayerischen Alpenraum sind Zeugnis einer ĂŒber Jahrhunderte fortwĂ€hrenden Heuwiesennutzung und weisen zudem geomorphologisch bedingt eine hohe HabitatheterogenitĂ€t auf. Durch die jĂ€hrliche Sensenmahd und den Verzicht auf DĂŒngemittel, haben sich auf den Buckelfluren artenreiche Lebensgemeinschaften etabliert, die hervorragend an die nĂ€hrstoffarmen Standortbedingungen angepasst sind. Jedoch ist im Laufe des letzten Jahrhunderts in Folge von Aufforstung oder Einebnung der Buckelwiesen die Ausdehnung dieses Lebensraumtyps im Alpenraum um ĂŒber 95% geschrumpft. Die verbliebenen FlĂ€chen haben jedoch bis heute eine herausragende Bedeutung fĂŒr den Erhalt der BiodiversitĂ€t und sind charakteristischer Bestandteil der Kulturlandschaft im nördlichen Alpenraum. Im Rahmen einer aktuellen Untersuchung konnte nun gezeigt werden, dass Heuschrecken von der HeterogenitĂ€t der Buckelwiesen und der traditionellen Bewirtschaftung profitieren. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass insbesondere das Vorkommen gefĂ€hrdeter Arten von der Mahdnutzung begĂŒnstigt wird. Aber auch kurzfristig brachgefallene BestĂ€nde, die nur in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden genutzt werden, fördern die DiversitĂ€t der Buckelwiesen. Die Ergebnisse der Studie unterstreichen damit die Bedeutung des Fortbestands der traditionellen Landutzung fĂŒr den Erhalt der Artenvielfalt in dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Agriculture, Ecosystems & Environment veröffentlicht:

Löffler, F. & T. Fartmann (2017): Effects of landscape and habitat quality on Orthoptera assemblages of pre-alpine calcareous grasslands. Agriculture, Ecosystems and Environment 248: 71–81. doi: 10.1016./j.agee.2017.07.029

Masterabsolventin mit Jacob-Jacobi-Preis fĂŒr besten Studienabschluss geehrt

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PreistrÀgerin Susanne Kurze und Brauner Feuerfalter (Lycaena tityrus)

[08. August 2017] Mit dem Jacob-Jacobi-Preis wird alljĂ€hrlich der beste Studienabschluss an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Potsdam ausgezeichnet. Der diesjĂ€hrige Preis wurde an unsere externe Masterabsolventin Susanne Kurze verliehen. Susanne Kurze hat ihr Masterstudium in Ökologie, Evolution und Naturschutz an der UniversitĂ€t Potsdam mit der Bestnote abgeschlossen. In ihrer Masterarbeit mit dem Titel „More losers than winners – Response of common butterflies and moths to host plant fertilisation“ untersuchte sie den Einfluss von landwirtschaftlich gedĂŒngten Futterpflanzen auf verschiedene, in Mitteleuropa weit verbreitete Schmetterlingsarten. Der untersuchte Zusammenhang fand in der Wissenschaft bisher kaum BerĂŒcksichtigung, obwohl die AbhĂ€ngigkeit der Schmetterlinge von der QualitĂ€t ihrer Wirtspflanzen seit Langem bekannt ist. In ihren Untersuchungen konnte sie zeigen, dass die Entwicklung der Mehrheit der untersuchten Schmetterlinge durch die DĂŒngung negativ beeinflusst wird. Dies gilt insbesondere fĂŒr Arten die sich von GrĂ€sern oder Sauerampfer ernĂ€hren. So zeigten z.B. die Raupen des Braunen Feuerfalters (Lycaena tityrus) bereits bei einer DĂŒngermenge von unter 100 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr erhöhte MortalitĂ€tsraten. Da die Stickstoffraten in Mitteleuropa vielerorts ĂŒber diesem Wert liegen, kann mit diesem Zusammenhang eine Ursache fĂŒr den RĂŒckgang der Art in Mitteleuropa belegt werden. Positive Effekte waren lediglich fĂŒr Arten die sich von BrennnesselgewĂ€chsen ernĂ€hren zu verzeichnen. Die drastische Zunahme der atmosphĂ€rischen StickstoffeintrĂ€ge infolge der landwirtschaftlichen Intensivierung, gilt als eine der HauptgefĂ€hrdungsursachen fĂŒr die BiodiversitĂ€t und verschiedene Ökosystemfunktionen. Das Thema der Arbeit hat damit eine hohe Relevanz fĂŒr den Erhalt der biologischen Vielfalt in intensiv genutzten Agrarlandschaften.

Buddeln für die Artenvielfalt – Ökosystemingenieure fördern die Biodiversität im Grasland

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Kleiner Feuerfalter (Lycaena phlaeas)

[03. August 2017] Das Vorkommen vieler konkurrenzschwacher und thermophiler Arten im Grasland ist an das Vorhandensein geeigneter Mikrohabitate mit einem hohen Offenbodenanteil gekoppelt. Beispielsweise nutzen viele Schmetterlingsarten Offenbodenhabitate bevorzugt als Larvalhabitat, da derartige Strukturen ein gĂŒnstiges Mikroklima aufweisen und gleichzeitig das Vorkommen der Wirtspflanzen fördern. Jedoch ist im produktiven oder verbrachten Grasland häufig ein Mangel an solchen Störstellen festzustellen, sodass die Bestände störungsabhängiger Arten in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten teils drastisch zurückgegangen sind. Häufig stellen in solchen Beständen die von bodenstörenden Ökosystemingenieueren, wie z.B. Ameisen und Maulwürfen, geschaffenen Störstellen die einzigen Offenbodenhabitate dar. Deshalb ist der Einfluss dieser Organismen auf die Biodiversität von besonderem Interesse. Im Rahmen mehrerer aktueller Studien konnte am Beispiel von Pflanzen und Schmetterlingen die besondere Bedeutung der Ökosystemingenieure fĂŒr die Artenvielfalt in mitteleuropĂ€ischen Grasland-Ökosystemen aufgezeigt werden. Ein aktuell erschienener Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung gibt einen umfassenden Überblick ĂŒber die Ergebnisse der Untersuchungen.

Streitberger, M. & T. Fartmann (2017): Bodenstörende Ökosystem-Ingenieure im mitteleuropĂ€ischen Grasland und ihre Bedeutung fĂŒr die BiodiversitĂ€t. Eine Analyse am Beispiel der Gelben Wiesenameise und des EuropĂ€ischen Maulwurfs. Naturschutz und Landschaftsplanung 49 (8): 252–259.

Homepage zur nachhaltigen Renaturierung von Kalkmagerrasen geht online

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Artenreiche Schlagflur im Projektgebiet (Diemeltal)

[18. Juli 2017] Auf der Projekthomepage des Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens: „Nachhaltige Renaturierung von Kalkmagerrasen in Zeiten des Globalen Wandels“ informieren wir Sie ab sofort regelmäßig ĂŒber unsere projektbezogenen Forschungstätigkeiten. In dem Vorhaben, das vom Bundesamt fĂŒr Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums fĂŒr Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) gefördert wird, sollen in Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern zahlreiche Kalkmagerrasen renaturiert und die Auswirkungen der Maßnahmen mit modernen wissenschaftlichen Methoden evaluiert werden. Dabei erproben und entwickeln wir in unserem Projektgebiet Verfahren, die auch in anderen Gebieten erfolgreich angewandt werden können. Aktuell fĂŒhren wir ökologische Untersuchungen durch, deren Ergebnisse als Grundlage fĂŒr die nachfolgenden Renaturierungsmaßnahmen dienen sollen. Unter anderem wird dabei anhand verschiedener Indikatorgruppen die Entwicklung bereits entbuschter Kalkmagerrasen evaluiert. Damit die Auswirkungen der Renaturierungsmaßnahmen bewertet werden können, ist es zudem wichtig den Zustand der Flora und Fauna vor DurchfĂŒhrung der Maßnahmen zu kennen. Deshalb wird in der Vorstudie der Ist-Zustand der zu renaturierenden Probeflächen erfasst. Als Untersuchungsobjekte dienen dabei Pflanzen, Tagfalter, Heuschrecken und Zikaden.